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Wildor Hollmann gibt immer noch Vorlesungen.

Ausnahme-Professor Hollmann

Er ist 92 Jahre alt - und noch immer an der Uni

Köln - Wildor Hollmann trainiert zweimal pro Woche im Fitnessstudio und steigt täglich 200 Treppenstufen. Seit September nimmt er Tanzstunden. Und: Der bekannte Sportmediziner hält noch immer Vorlesungen in der Uni - mit 92 Jahren.

Wenn Wildor Hollmann seine Vorlesung hält, sitzen die Studierenden auf dem Boden, drängen sich auf den Fensterbänken. Kein Platz bleibt frei. Die Studenten müssen keinen Schein machen, auch keine Prüfung. Sie kommen aus Interesse, wollen dem bekannten Sportmediziner zuhören. Der Professor ist 92 Jahre alt und längst emeritiert. Ans Aufhören denkt er nicht.

Am kommenden Dienstag startet das Sommersemester. Dann wird Hollmann an der Deutschen Sporthochschule in Köln wieder seine Sondervorlesung halten, in der er „allgemeines akademisches Grundlagenwissen“ vermittelt. Das fängt laut Hollmann mit nichts Geringerem an als der Entstehung des Weltalls. Weiter geht es mit der Entstehung der Sonne, der Erde, des Lebens, des Menschen.

„Ich will aus sogenannten Fachidioten Menschen machen, die sich im allgemeinen Leben auskennen“, sagt Hollmann. Für seine Studenten hat er viel übrig - das sei der Grund, warum er noch doziere. „Weil es mir riesige Freude macht, mit jungen Menschen zusammenzuarbeiten.“ Doch Allgemeinbildung, Geschichtswissen, das bräuchte man von Bachelor- und Masterstudierenden heute nicht erwarten. Deshalb streue er immer mal wieder ein paar historische Fakten ein.

Dass Professoren nach der Emeritierung ihren Instituten verbunden bleiben und ihre Expertise anbieten, sei durchaus üblich, erläutert das NRW-Bildungsministerium. Statistiken dazu würden nicht geführt, heißt es beim Deutschen Hochschulverband (DHV). „Ungeachtet dessen bleibt Herr Professor Hollmann eine Ausnahmeerscheinung“, sagt DHV-Sprecher Matthias Jaroch.

Hollmann trägt das grau melierte Haar zur Seite gekämmt. Dazu Anzug, Krawatte. Er ist ein Gentleman alter Schule, der einer Frau die Tür aufhält. Auf dem Schreibtisch in seinem Büro liegt eine schwarze Aktentasche. Das abgegriffene Leder zeugt von vielen gemeinsamen Jahren. Hollmann, geboren 1925 in Menden im Sauerland, hat ein bewegtes Leben hinter sich und eine steile Karriere.

Er ist Arzt, Forscher, Macher. Als junger Mann studiert er in Köln Medizin, promoviert. 1958 gründet er in Eigenregie das Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin, indem er einen Raum in der Sporthochschule mietet. Heute ist das Institut international angesehen. Hollmann übernimmt 1965 den Lehrstuhl für Kardiologie und Sportmedizin, wird 1970 Rektor der Sporthochschule.

Durch seine Studien über den Einfluss von Sport auf Gesundheit und Leistungsfähigkeit kommt Hollman zu Weltrang. Es folgen Jahre mit vielen Ämtern: Ehrenpräsident des Weltverbandes für Sportmedizin, Präsident der Deutschen Olympischen Gesellschaft. Hollmann betreut die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, ist im Beirat der Bundesärztekammer und Berater des Bundesverteidigungsministers. Er wird mit 34 Forschungspreisen und dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, mit Stern und Schulterband.

„Mir wurde schon früh gesagt, dass ich ein anomales Gedächtnis habe“

Der Professor reist teils drei Monate am Stück, verbringt immer wieder Zeit in Japan. Er forscht, hält Vorträge, veröffentlicht. Seine Frau hält ihm in all den Jahren den Rücken frei, kümmert sich zuhause in Brüggen am Niederrhein um die zwei Kinder. Zeit für die Studierenden erübrigt Hollmann trotz allem: Mehr als 1000 von ihnen haben ihre Diplom- oder Promotionsarbeiten bei ihm geschrieben. Aktuell betreut Hollmann noch acht Doktoranden. Sein Erfolgsgeheimnis? „Mir wurde schon früh gesagt, dass ich ein anomales Gedächtnis habe.“ Was er einmal höre, könne er sich merken.

Geholfen habe aber auch die Politik: Als Bonn noch Hauptstadt war und so mancher Minister besorgt, herzinfarktgefährdet zu sein, wurde Hollmanns Präventivmedizin zum Hit. „Da kam ein Minister nach dem anderen zur Vorsorge rüber“, sagt Hollmann. Als sein Name vor einigen Jahren in Zusammenhang mit Dopingvorwürfen gebracht wird, wehrt er sich entschieden. Er habe sich nichts vorzuwerfen, sagt Hollmann: „Ich habe niemals jemanden gedopt.“

Was rät er jungen Leuten? Jede Möglichkeit für körperliche und geistige Aktivität zu nutzen. „Und Selbstdisziplin.“ Man könne sich zwingen, selbst die Dinge mit Freude zu tun, auf die man keine Lust habe. Zweimal pro Woche trainiert der 92-Jährige im Fitnessstudio, steigt täglich 200 Treppenstufen. Seit September nimmt er Tanzstunden, lernt unter anderem Rumba. Aktuell nerven ihn Probleme mit seinem Internet-Provider: „Ich bin ohne Internet, das ist ganz schlimm.“

dpa

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