Amokprozess: Vater von Tim K. weint vor Gericht

Stuttgart - Im Prozess um den Amoklauf in Winnenden hat der angeklagte Vater am Dienstag unter Tränen Fehler eingeräumt. Sein Anwälte sagen, er hätte das Blutbad nicht vorhersehen können.

Der Vater des Amokläufers von Winnenden ist zum Plädoyer seiner Verteidiger am Dienstag überraschend wieder vor Gericht erschienen. Unter Tränen räumte er Fehler ein: “Ich fühle mich verantwortlich für meinen Sohn Tim und für die Fehler, die ich gemacht habe“, sagte der 52-Jährige vor dem Landgericht Stuttgart.

Der Sportschütze ging erstmals in dem Verfahren, das seit September läuft, persönlich auf die Hinterbliebenen ein: “All das tut mir leid. Dass sie ihre Kinder und Männer verloren haben, dafür möchte ich allen Hinterbliebenen mein Mitgefühl aussprechen“,

Aus Sicht seiner beiden Anwälte hat der Unternehmer zwar die Tatwaffe unverschlossen aufbewahrt, das Blutbad aber nicht vorhersehen können. Die Verteidigung beantragt einen Freispruch für den Angeklagten.

“Es gab keine entsprechenden Hinweise“, sagte Verteidiger Hans Steffan. Außerdem spreche vieles dafür, dass Tim K. Zugang zum Waffenschrank und zum Munitionsschrank hatte, ohne dass dies sein Vater wusste. Der Angeklagte könne deshalb lediglich wegen eines Verstoßes gegen das Waffengesetz verurteilt werden.

Amoklauf in Winnenden

Amoklauf in Realschule bei Stuttgart

Der Vater war im Oktober von seiner Anwesenheitspflicht im Verfahren entbunden worden. Der Versuch, ihn zur weiteren Teilnahme zu bewegen, war bis Dienstag ohne Erfolg geblieben.

Die als Nebenkläger vor Gericht vertretenen Hinterbliebenen der Opfer hatten dem Unternehmer vorgeworfen, bisher keine Reue zu zeigen und auch kein persönliches Wort des Bedauerns an sie gerichtet zu haben. Durch seine lange Abwesenheit vor Gericht habe er ihre Gefühle mit Füßen getreten, hatten die Anwälte der Angehörigen zuletzt kritisiert.

Die Staatsanwaltschaft hatte zwei Jahre Haft auf Bewährung wegen 15-facher fahrlässiger Tötung gefordert, weil der Sportschütze eine seiner Pistolen unverschlossen im Schlafzimmer aufbewahrt hatte. Damit hatte der Sohn am 11. März 2009 an seiner früheren Schule in Winnenden (Baden-Württemberg) und auf der Flucht nach Wendlingen 15 Menschen und sich selbst erschossen. Dem Vater werfen die Ankläger zudem fahrlässige Körperverletzung in 13 Fällen und Verstoß gegen das Waffengesetz vor.

Rechtsanwalt Steffan argumentierte so: Im Prozess hätten die Gutachter dargelegt, dass psychische Auffälligkeiten, wie sie bei Tim K. vorlagen, für Außenstehende nur “extrem schwer zu erkennen sind“. Tim sei ein leidenschaftlicher Pokerspieler gewesen und habe es gut verstanden, sein Innenleben zu verbergen. Mehrfach habe sich die Zeugin widersprochen, nach deren Aussage die Eltern von der psychiatrischen Klinik, in der Tim behandelt wurde, Hinweise auf Tötungsfantasien bekommen haben. Die Zeugin, die die Familie nach der Tat seelsorgerisch betreut hatte, habe offenkundig ihre eigene Wahrnehmung und die Darlegungen eines Gutachters im Prozess durcheinandergebracht.

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft hatte Tim K. die Munition, die er beim Amoklauf bei sich hatte, vorher angesammelt, indem er jeweils nach dem gemeinsamen Schießtraining Patronen aus der Tasche seines Vaters entwendete. Daher sei der Vater auch für die nachlässige Aufbewahrung der Munition verantwortlich. Anwalt Steffan widersprach: Da der Vater im Schützenverein mit einer anderen Waffe schoss und die beiden lediglich viermal gemeinsam beim Schießtraining gewesen seien, wäre dadurch eine so große Menge nicht zusammengekommen. Der Amokschütze hatte nach Erkenntnis der Ermittler mindestens 285 Patronen und zwei Magazine dabei.

Für den Angeklagten spreche auch, dass dieser nach der Tat die Ermittler gleich zum Aufbewahrungsort der Mordwaffe im Elternschlafzimmer führte. Außerdem habe er alles getan, um die Aufklärung zu ermöglichen.

dpa

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