Faszinierend und beklemmend

Beim Rasenmähen kann es besonders unangenehm werden: Rätselhafte Tier-Invasion „hat begonnen“

  • Armin T. Linder
    vonArmin T. Linder
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Eine gruselige Tier-Invasion steht in den USA unmittelbar bevor. Den Wissenschaftlern gibt diese immer noch Rätsel auf. Rasenmähen könnte für Menschen unangenehme Folgen haben.

Washington - Für Insektenhasser ist es ein gruseliges Szenario. Alle anderen Bewohner der Region um die US-Hauptstadt Washington können sich auf ein ebenso seltenes wie lautstarkes biologisches Spektakel einstellen: Nur alle 17 Jahre schlüpft im Osten der USA eine bestimmte Zikaden-Art, die Brut X (römisch Zehn) bzw. auf Englisch Brood X genannt wird und für ihren Lärmpegel berüchtigt ist. Bald ist es wieder so weit. Milliarden Insekten der Gattung Magicicada werden die Bäume bevölkern, die männlichen Tiere werden mit ohrenbetäubendem Zirpen um eine Partnerin für die Fortpflanzung werben. Ihre Überlebensstrategie ist so brutal wie effektiv.

Brood X in den USA: Zikaden-Invasion steht bevor

Wenn sich der Boden auf etwa 18 Grad erwärmt, kriechen die Zikaden aus der Erde, in die sie sich als Nymphen (ähnlich der Larven bei anderen Insekten) vor 17 Jahren eingegraben haben. Seinerzeit regierte in den USA George W. Bush als Präsident, Griechenland wurde Fußball-Europameister. Frische Löcher im Waldboden zeugen davon, dass mindestens die Vorhut der Zikaden schon unterwegs ist. In den Sozialen Medien häufen sich bereits die Fotos und Videos, die Vorboten zeigen sollen. „Es hat begonnen“, schreibt etwa dieser Instagram-Nutzer. Zwar ist die Echtheit nicht bestätigt, es gibt allerdings zahlreiche ähnliche Aufnahmen.

„Sie klettern auf das erste, was sie finden können, und häuten sich zu einem Erwachsenen mit weichem, weißem, geflügeltem Körper“, erklären die Entomologen, also Insektenforscher, der Universität des US-Bundesstaats Maryland, der an Washington angrenzt. „Es dauert etwa vier bis sechs Tage, bis ihr Außenskelett ausgehärtet ist. Dann fliegen sie in die Baumkronen, um sich zu paaren.“

Brood X in den USA: Zikaden-Epizentrum rund um Washington

Das Zikaden-Epizentrum soll in diesem Jahr rund um Washington liegen. Experten erwarten zum Höhepunkt Mitte Mai einen „Tsunami“ von Milliarden der Insekten, die dann in 15 Bundesstaaten im Osten der USA in den Bäumen sitzen. Im Schnitt sollen auf die Fläche von etwas mehr als einem halben Fußballfeld eineinhalb Millionen Zikaden kommen. In den Bäumen beginnen die männlichen Zikaden mit ihrer vibrierenden Membran ihr lautstarkes Zirpen, das Weibchen anlocken soll und Lärmpegel von 90 Dezibel und mehr erreichen kann - vergleichbar mit dem eines Benzin-Rasenmähers.

Apropos Rasenmäher: Die „den faszinierendsten Insekten der Welt“ gewidmete Internetseite „Cicada Mania“ warnt davor, Rasenmäher anzuwerfen - weil die Insekten das Geräusch mit dem Zirpen ihrer Artgenossen verwechseln können. „Sie werden verwirrt und landen auf den Menschen, die die Geräte benutzen“, schreiben die Zikaden-Fans. Dass nichtsahnende Menschen beim Rasenmähen sich plötzlich einer Flut von Brood-X-Zikaden ausgesetzt sehen - eine gruselige Vorstellung!

„Profi-Tipp: Mähen Sie Ihren Rasen in den frühen Morgenstunden oder in der Abenddämmerung, wenn die Zikaden weniger aktiv sind.“ Noch ein Tipp: Vorsicht unter Bäumen, von denen die „Honigtau“ oder „Zikadenregen“ genannten Ausscheidungen der Insekten fallen können.

15.05.2004, USA, Washington: Eine „17-Jahr-Zikade“ (Magicicada septendecem) sitzt in einem Garten auf einem Blatt neben einer leeren Puppenhülle, die sie kurz vorher abgestreift hat.

Brood X in den USA: Entomologe fasziniert von den Zikaden

Auch der Entomologe Michael Raupp von der Universität Maryland ist begeistert von Zikaden, auf seiner Internetseite nennt er sich selber „The Bug Guy“ („Der Insekten-Kerl“). Der Hochschulseite „Maryland Today“ sagt Raupp über das bevorstehende Spektakel: „Es geht um Romantik. Es sind nur die Männchen, die singen, und die sind sexbesessen. Das ist es, worum sich alles bei dieser großen Boy-Band oben in den Bäumen dreht - sie singen sich das Herz aus dem Leib, um diesen speziellen Jemand davon zu überzeugen, dass sie diejenige ist, die die Mutter seiner Nymphen sein sollte.“

Wenn die Mitglieder der liebestollen „Boy-Band“ mit ihrer lautstarken Werbung Erfolg haben und die weiblichen Tiere befruchtet sind, schlitzen letztere junge Baumzweige auf und legen ihre Eier dort hinein. Die erwachsenen Zikaden sterben bald nach ihrem ersten und letzten Akt der Fortpflanzung. Nach mehreren Wochen schlüpfen die Nymphen, die sich danach wiederum in den Boden eingraben - für die nächsten 17 Jahre. Dort leben sie von einer nährstoffreichen Flüssigkeit, die sie aus Baumwurzeln saugen.

Raupp sagt, die Brood-X-Zikaden könnten zwar jungen Bäumen schaden, wenn die Weibchen ihre Eier in deren Äste legten. Sie seien aber nicht mit einer biblischen Heuschreckenplage vergleichbar und würden keine Gärten oder Äcker verwüsten. Im Gegenteil: Wenn die erwachsenen Zikaden massenhaft sterben, werde das zwar stinken, ihre leblosen Körper würden aber den Boden düngen. „Diese Kerle haben 17 Jahre lang Saft von Bäumen gesaugt, und jetzt geben sie etwas zurück“, sagt der Entomologe. „Ihre kleinen Körper regnen herab und befruchten alle Pflanzen. Das ist der Kreislauf des Lebens.“

Brood X in den USA: Zikaden geben Wissenschaftlern immer noch Rätsel auf

Warum die Brood-X-Zikaden ausgerechnet alle 17 Jahre aus der Erde kriechen, gibt Wissenschaftlern Rätsel auf - manche Zikaden-Arten erscheinen alle 13 Jahre, wiederum andere jährlich. Der lange Zeitraum erschwert es ihren natürlichen Feinden jedenfalls, sich auf ihren Zyklus einzustellen. Das heißt nicht, dass nicht etliche Brut-X-Zikaden gefressen werden - auch von Haustieren. Ihre Überlebensstrategie basiert auf dem massenhaften Auftreten.

Ihren bislang letzten großen Auftritt hatten Brood-X-Zikaden im Jahr 2004. Bei YouTube finden sich verschiedene Amateurvideos, die das damalige Schauspiel zeigen sollen und die man am besten mit Ton anschauen sollte. Oder gar nicht, wenn man etwas gegen Insekten hat.

„Zikaden sind ein Thanksgiving-ähnliches Fest für Wildtiere“, schreibt die Washington Post über die bevorstehende Invasion. „Wenn sie auftauchen, fressen sich Vögel, Eichhörnchen, Streifenhörnchen, Stinktiere, Ameisen, Waschbären, Schlangen, Frösche und Opossums etwa eine Woche lang satt, bis sie in ein Fresskoma fallen.“ Irgendwann haben sich die natürlichen Feinde überfressen. Was von der Brut X dann noch übrig ist, pflanzt sich fort.

Brood X in den USA: Zikaden schmackhaft für Haustiere - und auch für Menschen

Auch Haustiere wie Hunde laben sich an den Insekten. Raupp sagt, die Zikaden seien eine gute Protein-Quelle, „aber lassen Sie Ihre Haustiere nicht eimerweise von diesen Dingern fressen“. Die schwarzen Chitinpanzer - die Außenskelette der Insekten - könnten in großen Mengen zu Verdauungsbeschwerden führen.

Raupp regt sogar an, dass Menschen die Brood-X-Zikaden verzehren könnten. Aus seiner Sicht spricht jedenfalls nichts dagegen. „Ich finde es ein bisschen ungewöhnlich, dass Leute eine rohe Auster oder rohe Muscheln essen“, sagt er - diese filterten Dreck aus dem Wasser. „Wie kann man im Vergleich dazu eine Zikade verabscheuen, die 17 Jahre lang unterirdisch Pflanzensäfte schlürft?“ Diesem Tipp werden vermutlich nicht allzu viele Gourmets nachgehen. In unserem Genuss-Ressort finden Sie andere schmackhafte Rezepte. (dpa mit lin)

Rubriklistenbild: © YouTube

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