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Zittern vor dem nächsten Beben

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- München - Yvette Stevens war fassungslos: "Eine solches Ausmaß hat es zuvor noch nie gegeben." Stevens ist bei den Vereinten Nationen für die Koordination humanitärer Hilfseinsätze der Vereinten Nationen zuständig. "Sonst haben wir es in der Regel mit einem Land bei Überschwemmungen zu tun. Diesmal sind es mindestens sechs Länder mit größten Ausmaßen."

Keine Frage, für die internationalen Hilfskräfte bedeutet die Erdbeben- und Flut-Katastrophe in Südostasien eine logistische Herausforderung sondersgleichen. Doch beispiellos sind das Sumatra-Beben und seine Folgen in der Geschichte keineswegs. Die wohl schwerste Flutwellen-Katastrophe der neueren Geschichte ereignete sich vielmehr am 27. August 1888 - und auch sie hatte ihren Ausgangspunkt unweit der Stelle, wo sich am Sonntag das Erdbeben ereignete: Die an der Kleinen Sundastraße zwischen Sumatra und Java gelegene Insel Krakatau wurde damals bei einem Vulkanausbruch dem Erdboden gleichgemacht. Experten glauben heute, dass die freigesetzte Energie etwa 5000 Hiroshima-Atombomben entsprach. Vier Killerwellen mit einer Höhe von gut 40 Metern jagten über das Meer und zerstörten Inseln und Küsten. Fast 36 500 Menschen starben. 165 Orte verschwanden vom Erdboden.

Auf und um Sumatra ereignen sich immer wieder schwere Erdbeben. Am 4. Juni 2000 gab es beispielsweise einen Erdstoß der Stärke 7,9, nur elf Minuten später folgte gleich das nächste. 58 Menschen starben. Der Hintergrund für die häufigen Beben: Bei Sumatra taucht die australische Platte, die einen großen Teil des Indischen Ozeans umfasst, unter die riesige eurasische Platte. Experten sprechen von einer Geschwindigkeit von rund sieben Zentimetern pro Jahr. Diese Verschiebung löst ständig leichtere, gelegentlich auch stärkere Erdstöße aus.

"Die Nachbeben können noch monatelang andauern, von einer Entwarnung kann also keine Rede sein."
Rainer Kind, Seismologe

Für die Seismologen kommt das jetzige Beben deshalb nicht überraschend, auch wenn sie weder die Dimension noch den genauen Zeitpunkt voraussagen können. Etliche glauben, dass die Katastrophe in Südostasien noch nicht vorüber ist: Nach Einschätzung des Geoforschungszentrums in Potsdam (GFZ) muss man noch über einen längeren Zeitraum mit weiteren - auch schweren - Nachbeben rechnen. "Es ist nicht auszuschließen, dass diese sogar eine vergleichbare Magnitude wie beim Hauptbeben erreichen", sagte GFZ-Seismologe Professor Rainer Kind. Auch ähnlich dramatische Flutwellen seien in der Folge möglich. "Die Nachbeben können noch monatelang andauern, von einer Entwarnung kann also keine Rede sein", betonte Kind. Ähnlich äußerte sich auch der Würzburger Forscher Bernd Zimanowski.

Laut Kind ist inzwischen davon auszugehen, dass das Seebeben in Sumatra eine Stärke auf der Richterskala von 9,0 hatte. Zunächst hatten die Experten von einer Stärke zwischen 8,2 und 8,9 gesprochen. Auch Seismologen im amerikanischen Colorado maßen eine Stärke von 9,0. Das Beben hatte eine solche Kraft, dass Auswirkungen am Montag sogar an der Küste des US-Bundesstaates Kalifornien am Pazifik zu spüren waren. So wurde bei San Diego im Süden ein um 22 Zentimeter höherer Wellengang als üblich gemessen, wie das Pacific Tsunami Warning Center auf Hawaii mitteilte. Die japanische Küstenwache gab außerdem bekannt, dass sogar in der Antarktis der Wasserstand um 72 Zentimeter gestiegen sei - rund 8900 Kilometer vom Epizentrum entfernt.

Die beim Beben vor Sumatra freigesetzte Energie war nach Berechnungen des japanischen "National Institute of Advanced Industrial Science and Technology" in Tokio um 1400-mal größer als die bei der schweren Erdbebenkatastrophe im Raum der japanischen Hafenstadt Kobe von 1995. Im japanischen Kobe waren im Januar 1995 mehr als 6400 Menschen ums Leben gekommen.

Und bislang ist kein Ende in Sicht: Nach Angaben von GFZ-Forscher Kind gab es bereits ein Nachbeben der Stärke 7,3. "In der Nacht zu Montag wurde unter anderem eines mit einer Stärke über 6 gemessen", sagte Kind. Bislang lägen aber keine Meldungen über weitere Tsunamis vor.

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