Implantat aus Rinderknochen: Ex-Chefarzt vor Gericht

Marburg - Obwohl es eine Patientin ausdrücklich nicht wollte, setzte ihr ein ehemaliger Chefarzt des Universitätsklinikums Marburg ein Implantat aus Rinderknochen ein. Der Mediziner steht nun wegen gefährlicher Körperverletzung vor Gericht.

Der emeritierte Medizin-Professor habe vor der Knieoperation im Februar 2003 nicht in die Patientenakte geschaut, in der ausdrücklich stand, dass die Frau keine Rinderknochen-Implantate wollte, sagte der 67-Jährige zum Prozessauftakt. “Jetzt müsste man sagen, man hätte lieber reingeschaut“, räumte der Angeklagte ein.

Gegen den Mediziner wird seit rund vier Jahren ermittelt. Er soll Patienten nicht zugelassene Metallimplantate und Rinderknochen- Implantate, von denen bei manchen das Verfallsdatum bis zu einem Jahr überschritten war, ohne deren Wissen und bisweilen sogar gegen ihren Willen eingesetzt haben. Etwa 20 von ursprünglich knapp 300 Ermittlungsfällen wurden zur Anklage gebracht. Der aktuelle Fall ist der erste, der verhandelt wird.

Bis zu dieser Operation habe sich nie ein Patient gegen Rinderknochen-Implantate gewandt, sagte der Angeklagte. “Ich habe keine Besonderheiten erwartet.“ Die Operation sei anspruchsvoll, aber ein Routine-Eingriff für ihn als verantwortlichen Operateur gewesen. Gegenüber Metall- oder Kunststoff-Implantaten hätten solche aus Rinderknochen den Vorteil, nicht wieder entfernt werden zu müssen. Von den Fixationselementen aus Rinderknochen, den sogenannten Pins, seien keinerlei Risiken ausgegangen.

Der Vermerk sei im Trubel des Operationsbetriebs übersehen worden, sagte der Anwalt des früheren Direktors der Unfallchirurgie. Sein Mandant habe etwa 1000 Operationen im Jahr durchgeführt und enorm unter Druck gestanden. “Seine Schuld ist sicher so, dass er in die Patientenakte nicht noch mal geschaut hat.“ Eine gefährliche Körperverletzung sei das nicht, allenfalls eine einfache, sagte der Anwalt. Das Skalpell in der Hand eines Arztes sei nicht zwingend eine Waffe oder ein gefährliches Werkzeug, wie die Anklage es sieht.

Die Ermittlungen gegen den Arzt waren in Gang gekommen, nachdem das Universitätsklinikum die Staatsanwaltschaft verständigt hatte. Das Klinikum war durch einen anonymen Hinweis auf den Fall aufmerksam geworden. Der heutige Angeklagte war damals zunächst suspendiert, später emeritiert worden.

dpa

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