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Nach Zulassung für Booster: Kekulé kritisiert Stiko-Entscheidung – und äußert Zweifel an neuen Impfstoffen

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Von: Kathrin Reikowski

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Virologe Kekulé
Der Virologe Alexander Kekulé blickt nach Booster-Empfehlung zu neuen Impfstoffen kritisch auf die Stiko. (Archivfoto) © Müller-Stauffenberg/Imago Images

Die an die Corona-Varianten BA.4 und BA.5 angepassten Impfstoffe werden von der Stiko für Boosterimpfungen empfohlen - was Virologe Alexander Kekulé überrascht.

Leipzig - „Ich habe kein Verständnis für die Stiko“, sagt Alexander Kekulé, seit der Corona-Pandemie in Deutschland bekannter Virologe. In „Kekulés Corona-Kompass“ beim MDR brachte er seine Sorge darüber zum Ausdruck, dass nun der erste auf die BA.4- und BA.5-Omikron-Varianten angepasste Impfstoff in Europa zugelassen wurde.

Noch im letzten Podcast hatte der Virologe gesagt, dass die EMA in Europa „angesichts der spärlichen Daten“ aus gutem Grund vorsichtiger vorgehe als die FDA in den USA und die Impfstoffe eben noch nicht zugelassen habe. Inzwischen sieht es anders aus - was den Virologen überrascht habe.

Kekulé: Nach Impfstoffzulassen „ist einigen Fachleuten regelrecht der Unterkiefer runtergefallen“

„Da kann man sagen, da ist einigen Fachleuten regelrecht der Unterkiefer runtergefallen“, sagt Kekulé, ein sehr drastisches Bild wählend - allerdings ohne die Fachleute genau zu benennen. Die Corona-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna haben derzeit eine bedingte Marktzulassung in Europa durch die Europäische Arzneimittelagentur EMA, die laut Paul-Ehrlich-Institut nach einem Jahr in eine reguläre Zulassung umgewandelt werden kann, wenn alle noch fehlenden Daten vorgelegt würden.

Kekulé geht im MDR davon aus, dass die EMA den Entscheidungen in den USA folgen werde, und auch in Europa eine reguläre Marktzulassung für die Corona-Impfstoffe aussprechen werde. Ohne weitere Kommentierung sei auch die bedingte Marktzulassung in Europa bereits nach einem Jahr verlängert worden - ein ansonsten nicht übliches Vorgehen.

Alexander Kekulé geht von regulärer Marktzulassung der Corona-Impfstoffe aus

In einer Pressemitteilung der Stiko vom 20. September wird empfohlen, „für alle Auffrischimpfungen (Booster) ab 12 Jahren vorzugsweise einen der zugelassenen und verfügbaren Omikron-adaptierten bivalenten mRNA-Impfstoffe einzusetzen.“ Dazu betont die Stiko: „Die STIKO fordert die Impfstoffhersteller ausdrücklich auf, Postmarketing Studien zur Sicherheit und Wirksamkeit der Varianten-adaptierten Impfstoffe zu liefern und zu veröffentlichen.“

Zwei Punkte kritisiert Kekulé jetzt an der Entscheidung der Stiko, die die Impfempfehlungen für Deutschland ausspricht und auch die angepassten Impfstoffe empfehlen will: Die fehlenden Daten seien immer noch nicht nachgereicht worden, und die neuen Impfstoffe hätten ihre Wirksamkeit gegen schwere Verläufe noch nicht nachweisen müssen. Es lägen nur Daten aus Studien mit Mäusen vor, die erhöhte Antikörper gezeigt hätten.

Ich will keine Angst davor machen. Aber ich sage, es ist einfach ein Experiment, das ich so nicht gemacht hätte, dass man quasi nur mit Daten aus dem Tier sagt, jetzt machen wir mal ein paar Millionen oder Milliarden Impfstoffe und probieren mal aus, wie häufig da z.B. die Myokarditis jetzt ist, die Herzmuskelentzündung. Und das andere, eigentlich wichtigere Argument kann man ganz kurz machen: Ich muss ja auch wissen, ob es wirkt. Ich muss ja auch wissen, ob es schützt. Und das können Sie absolut nicht aus Mäusedaten sagen.

Alexander Kekulé, Virologe, gegenüber dem MDR

Omikron-Impfstoff: Kekulé wirft EMA vor, gegenüber der Pharmaindustrie klein beizugeben

Im MDR-Corona-Kompass wirft Kekulé dann der EMA ziemlich direkt vor, gegenüber der Pharmaindustrie klein beizugeben. „Da hat sich einfach die Industrie durchgesetzt“, meint Kekulé, und verweist dann vor allem auf Biontech-Gründer Uğur Şahin. Die reguläre Impfstoffzulassung werde nämlich nicht nur für die ursprünglichen Varianten des Impfstoffs gelten, sondern auch für alle folgenden.

Entscheidendes Problem für Kekulé in diesem Zusammenhang: Nebenwirkungen, die bei den ursprünglichen Impfstoffvarianten auftreten, gingen vom Spike-Protein im Impfstoff aus - und seien, wenn auch selten, immer noch nicht verstanden. „Das ist ja geradezu gespenstisch, dass es da nach einer Impfung plötzlich Herzmuskelentzündungen ganz selten gibt, diese merkwürdigen Koagulationsstörungen, also Blutgerinnungsstörungen, die manchmal auftreten. Beides extrem seltene Sachen, muss man sagen, das kann man nicht oft genug unterstreichen. Aber: Es kommt eben vor und ist nicht verstanden“, so Kekulé.

Und das einzige, was man weiß, ist: Das ist eine Immunreaktion. Und jetzt ist es so: Das Immunsystem reagiert ja nicht auf irgendwas. Das reagiert nicht auf diese Lipid-Hülle von diesen Lipid-Nanopartikels o.Ä., die da in dem Impfstoff drin sind. Sondern: Das reagiert ziemlich eindeutig auf das Spike-Protein selber.

Alexander Kekulé, MDR

Und genau hier müsse man aufhorchen, wenn es um die angepassten Impfstoffe geht. „Wenn aber dieses Spike-Protein – also, genau das, was diese Nebenwirkungen macht – wenn das verändert wird, woher weiß ich denn dann, dass die Nebenwirkungsquote sich nicht ändert?“, so Kekulés Sorge.

Virologin Ciesek hat an Studie zu neuen Impfstoffen mitgearbeitet - und lobt sie als überlegen

Im Gegensatz zu Alexander Kekulé sieht die Virologin Sandra Ciesek die angepassten Impfstoffe gegenüber den älteren als überlegen an. Und auch die Stiko spricht davon, dass sich an der Sicherheit nichts ändere.

„Die Omikron-adaptierten Impfstoffe verwenden dieselbe mRNA-Plattform, wie die bisher erhältlichen Wildtyp-mRNA-Impfstoffe. Da der Unterschied in nur wenigen abgeänderten Nukleotiden besteht und die Immunantwort auch bei den adaptierten Impfstoffen aus einer Auseinandersetzung mit dem Spikeprotein von SARS-CoV-2 resultiert“, schätze die Stiko „die neuen bivalenten Impfstoffe trotz der begrenzten klinischen Studiendaten als sicher und gut verträglich ein.“ Bivalent bedeutet in diesem Zusammenhang, dass ein Impfstoff zwei Komponenten hat, der gegen zwei Virusvarianten wirkt. (kat)

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