DIN sei Dank! So passt die Schraube garantiert zur Mutter: Nur wenn Gewinde aufeinander abgestimmt sind, kommt es zum Heimwerkerglück.

Das Institut für Standards

100 Jahre DIN: Normen für alles

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München - Schrauben, Kuscheltiere oder Fußballtore: Damit die Dinge um uns herum zueinander passen, gibt es DIN-Normen. Seit 100 Jahren kümmert sich das Deutsche Institut für Normung um Standards aller Art.

Ob zu Hause oder im Hotel: Der Stecker passt in die Steckdose. Dafür sind Normen verantwortlich. Sie schreiben vor, wie Stecker und Steckdose beschaffen sein müssen, damit sich das eine zum anderen fügt. Rund 34 000 solcher Normen gibt es derzeit. Sie sorgen dafür, dass der Schuh an den Fuß, die Schraube zur Mutter, der Kaffeebecher in den Getränkehalter und das Abflussrohr an die Kloschüssel passt. Die wohl bekannteste Norm DIN EN ISO 216 – besser bekannt als DIN A 4 – legt fest, dass ein Blatt exakt 210 x 297 Millimeter misst. Ohne die Norm, die es bereits seit 1922 gibt, könnte man Blätter weder ins Kuvert noch in den Drucker stecken.

Herr der Normen: DIN-Chef Christoph Winterhalter.

Gemacht werden die Normen am Deutschen Institut für Normung, kurz DIN, das vor 100 Jahren gegründet wurde. Das Institut sitzt in Berlin im „Haus der Normung“ am DIN-Platz. Die Geschäfte führt Christoph Winterhalter, 48.Der Informatiker ist seit knapp einem Jahr Vorstandsvorsitzender des DIN. Der Chef der Gleichmacher sozusagen. Rund 2000 Normen werden hier unter seiner Aufsicht pro Jahr überprüft oder neu herausgegeben – im Schnitt acht pro Arbeitstag. 

„Normen sind eine Art Sprache der Wirtschaft“, sagt Winterhalter. 32 000 Experten sind damit beschäftigt, diese Sprache weiterzuentwickeln. Sie sind in 69 Ausschüssen organisiert. „Das Portfolio reicht dabei von A wie Akustik bis W wie Werkzeugbau“, sagt Winterhalter. Dabei geht es den Experten nicht nur darum, Produkte kompatibel zu machen. Normen legen auch Sicherheitsstandards fest und machen Dinge vergleichbar. DIN EN 71-1 etwa schreibt vor, dass das Fell von Kuscheltieren feuerresistent sein muss. DIN EN 60456 regelt, wie sparsam Waschmaschinen sein müssen, um ein Energielabel zu verdienen.

Wird ein Antrag auf ein Normungsverfahren eingereicht, kommt der zuständige Ausschuss zusammen. Er entscheidet, ob ein Normungsverfahren eingeleitet wird – oder ob eine Norm keinen Sinn machen würde. Mitmachen kann jeder, der ein Interesse an der jeweiligen Norm hat. Das sind vor allem Unternehmen. Entsprechend viele Vertreter aus der Industrie sitzen in den Ausschüssen, aber auch Verbraucherschützer und Verbände.

Das Hauptquartier der Normierer: Das DIN-Gebäude am Tiergarten in Berlin.

DIN übernimmt dabei die Aufgabe des Moderators. Das Institut achtet darauf, dass das Normungsverfahren den Regeln entspricht. Denn: Es gibt sogar eine Norm, die festlegt, wie genormt wird: DIN 820 gilt seit 1977 und beschreibt, wie ein Normungsverfahren abzulaufen hat. Hat sich der Normungsausschuss auf eine Norm geeinigt, wird der Entwurf im Internet veröffentlicht. Mehrere Monate können alle, die sich dafür interessieren, den Entwurf kommentieren und Änderungsanträge stellen. Am Ende wird die Norm als Dokument veröffentlicht – und gilt fortan. Die Normen werden dann über den Beuth Verlag, ein Tochterunternehmen der DIN, in Papierform und als Download vertrieben. Die DIN als eingetragener Verein, der gemeinnützige Zwecke verfolgt, finanziert sich zum Großteil über diese Einnahmen.

Eine Norm ist kein Gesetz

Eine Norm ist allerdings kein Gesetz. Niemand ist verpflichtet, sich daran zu halten. Erst wenn Normen zum Inhalt von Verträgen werden oder der Gesetzgeber ihre Einhaltung zwingend vorschreibt, werden sie bindend. Es gibt zum Beispiel durchaus eine international gültige Norm für die Stecker von Handy-Ladegeräten. Jedoch hält sich ein großer Hersteller bewusst nicht an die Norm: Ein Smartphone von Apple funktioniert nur mit einem Ladegerät von Apple. „Jedes Unternehmen befindet sich im Spannungsfeld: Hält man eine Technologie geheim und lässt sie patentieren? Oder will man, dass sie sich möglichst schnell verbreitet und zum Standard wird? Das ist eine strategische Entscheidung“, erklärt DIN-Chef Winterhalter.

Auch bei der allerersten DIN-Norm kam der Impuls aus der Wirtschaft. Die Ehre wurde einem vergleichsweise bescheidenem Bauelement zuteil: dem Kegelstift. Dabei handelt es sich um ein konisches Verbindungselement, das Maschinenteile zusammenhält. Die Veröffentlichung der Norm erfolgte zehn Wochen nach Gründung des Normenausschusses der Deutschen Industrie im Jahr 1917.

Ein Mythos: DIN1 und das Maschinengewehr

Hartnäckig hält sich bis heute die Geschichte, DIN 1 sei eigens für ein Maschinengewehr entwickelt worden. Demnach begann alles mit dem Gewehr 08/15, mit dem das Deutsche Heer im Ersten Weltkrieg kämpfte. Es wurde 1908 gebaut und 1915 weiterentwickelt – daher der Name. Damit die Bedienung des Gewehrs im Kampf sicher funktionierte, mussten die Soldaten alle Handgriffe trainieren, bis sie das Maschinengewehr quasi im Schlaf beherrschten. Das monotone Üben führte dazu, dass „08/15“ zum geflügelten Wort für eintönige Wiederholungen wurde. Während des Ersten Weltkriegs soll es zu Nachschubproblemen beim MG 08/15 gekommen sein. Da mittlerweile verschiedene Firmen die Einzelteile für das Gewehr bauten, soll das Militär den Waffenfabrikanten Normen vorgegeben haben, um Probleme beim Montieren zu vermeiden. Eines dieser Normteile war der Kegelstift.

Als „Mär“ bezeichnet DIN-Chef Winterhalter allerdings die Geschichte vom 08/15 und dem Kegelstift. „Ein Kegelstift hält Bauteile in wieder lösbaren Verbindungen zusammen. Das wäre in einem Maschinengewehr nicht sinnvoll“, sagt er. Doch ganz gleich, ob DIN 1 nun auf Betreiben des Militärs entstanden ist oder nicht. Fest steht: Die Norm hat sich bewährt und ist bis heute – unter dem Namen DIN EN 22339 europaweit gültig. Das ist nicht selbstverständlich, denn jede Norm wird spätestens alle fünf Jahre überprüft – und bei Bedarf überarbeitet oder ausgemustert. Normen sind nicht zwingend für die Ewigkeit.

Deutschland verdient 17 Milliarden Euro im Jahr mit Normen

Damit Teile aus verschiedenen Ländern zusammenpassen, sind Normen oft international gültig. Solange die gleiche DIN-Norm gilt, kann ein Unternehmen Teile für ein Produkt ohne Weiteres im Ausland einkaufen. Die Normierung stärkt den Warenaustausch. Eine Studie beziffert den jährlichen gesamtwirtschaftlichen Nutzen von Normen für Deutschland auf rund 17 Milliarden Euro. In welchen Ländern eine Norm gilt, erkennt man an ihrem Kürzel: Besteht die Kennung lediglich aus den Buchstaben DIN, hat die Norm nur in Deutschland Gültigkeit. Mit DIN EN werden europäische Normen bezeichnet. DIN EN ISO steht für eine international anerkannte Norm.

Dabei stammen viele international gültige Normen aus Deutschland. „70 Prozent unserer Projekte sind heute nicht national“, sagt Winterhalter. DIN-Normen „Made in Germany“ sind ein Export-Schlager. Ein Beispiel ist das Pflegeetikett: Ein Blick in den Hosenbund oder den Hemdkragen sorgt dafür, dass Textilien keinen Schaden beim Waschen nehmen. Die kleinen Symbole in Form von Bügeleisen, Trockner und Co. sehen dank DIN EN ISO 3758 immer exakt gleich aus – egal ob die Kleidung in den USA, Europa oder Asien hergestellt wurde.

In manchen Fällen klappt das allerdings nicht. Das mit dem Stecker und der Steckdose ist so ein Beispiel. Hier ist es nicht gelungen, eine einheitliche internationale Norm zu finden. Es wäre schlicht zu teuer gewesen, die Stecker und Steckdosen in allen Ländern der Welt umzurüsten. Und so braucht man in China, England oder den USA auch weiterhin einen Adapter.

Zahnbürsten, Torwarthandschuhe oder die Kalenderwoche: Normen können hilfreich, aber auch kurios sein - ein Überblick

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