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Wie viel Mann trägt der Flügel? Ein Belastungstest aus dem Jahr 1915. Vor der J1 von Hugo Junkers waren Flugzeugflügel meist aus Stoff.

Historisches Datum

100. Jahrestag Erstflug Junkers J1: Revolution im Flugzeugbau

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München - Kurzer Flug mit missglückter Landung. Die J1 von Hugo Junkers bewies heute vor 100 Jahren, dass auch Flugzeuge aus Metall fliegen können.

Es war ein ausgesprochen milder, aber stürmischer Advent, der erste Schnee schmolz schon wieder. An diesem 12. Dezember 1915 versammelte sich eine Gruppe von Soldaten und einige Zivilisten am Flugplatz Döberitz bei Berlin, um ein silbriggraues Etwas. Mit seiner Luftschraube erinnerte es entfernt an ein Flugzeug. Flugzeuge sahen damals anders aus: Viel Holz. Mehrere stoffbespannte Flügel. Und überall Spanndrähte, die die zerbrechlich wirkenden fliegenden Kisten stabilisierten. Was hier stand, hatte rechts und links nur einen, scheinbar massiven Flügel. Und gar keine sichtbaren Drähte. Zu schwer fürs Fliegen war das eiserne Konstrukt wohl auch, das einige der Umstehenden spöttisch „Blechesel“ tauften. Doch sie lagen falsch.

Unüberhörbar knatterte ein Motor. Die Schraube drehte sich immer schneller. Dann setze sich das Ungetüm in Bewegung. Nach nur 40 Metern hob es ab. Ein Meter, zwei Meter. Es stieg bis knapp unter die Dachhöhe der Hallen neben der Piste. Plötzlich geriet das Fluggerät ins Schaukeln. Der Mann am Steuer nahm das Gas zurück. Nach Sekunden setzte das linke von zwei Rädern hart auf. Der immer noch knatternde Blech-esel rollte aus, kam zum Stehen. Doch die harte Landung nach einem unerwartet kurzen Flug hatte ihm zugesetzt. Ein Ende des Flügels schleifte nun am Boden, das andere ragte in die Luft.

Der Unternehmer und Maschinenbauprofessor Hugo Junkers, der sich das alles ausgedacht hatte, war nicht zufrieden. Er blickte eher mürrisch, als die anderen auf ihn zuliefen und gratulierten. Sie hatten Recht.

So missglückt das Ganze wirkte, es war ein Erfolg: Die J1 hatte bewiesen, dass ein Flugzeug aus Metall fliegen kann. Auch der aus damaliger Sicht unglaublich dicke Flügel hatte seine Feuertaufe bestanden. Flugzeuge waren ab jetzt nicht mehr zwingend waghalsige Konstruktionen aus leichtem Holz und Textilien.

Junkers J1: Profile aus Metall, darüber eine möglichst dünne Blechhaut

Die J1 wurde gebaut, wie es heute noch üblich ist: Profile aus Metall, darüber eine möglichst dünne Blechhaut. Das Versuchsflugzeug kam in die Werkstatt und flog noch mehrere Male. Dabei stieg es auf fast einen Kilometer Höhe und erreichte eine Geschwindigkeit von 170 Kilometern pro Stunde. Dann hatte die J1 ausgedient. Doch die Konstruktion setzte sich durch.

Ein neuartiges Material half beim Leichtbau. Duraluminium wog viel weniger als Stahl, war aber fast so fest. In kurzer Folge wurden weitere Flugzeuge gebaut. Bereits das Modell J4 wurde noch im laufenden Ersten Weltkrieg eingesetzt, aber auch die J9, J10 und J11 gingen fürs Militär in Serie. Erst mit dem Kriegsende 1918 wurde der Weg frei für eine zivile Flugzeugproduktion, wie sie Hugo Junkers von Anfang an im Auge hatte. Schon das erste entsprechende Modell, die Junkers F13 wurde mit 322 Stück ein internationaler Erfolg. Weitere auch immer größere Flugzeuge folgten – bis hin zur legendären Ju52. Die J1 stand da längst im Deutschen Museum in München, wo sie 1944 bei einem Bombenangriff zerstört wurde.

Das sollte Hugo Junkers nicht mehr erleben. Der Flugzeug-Pionier war von den Nationalsozialisten vor der Machtergreifung wegen seiner demokratischen Gesinnung angefeindet worden. Später weigerte er sich, für das NS-Regime Militärflugzeuge zu entwickeln. Der Unternehmer wurde bereits 1933 enteignet. Er durfte das von ihm aufgebaute Flugzeugwerk in Dessau nicht einmal mehr betreten. Zunächst lebte er in seinem Ferienhaus in Bayrischzell unter Hausarrest. Später siedelte die Familie Junkers nach Gauting um, wo der Flugzeugpionier am 5. Februar 1936 starb – an seinem 76. Geburtstag.

Zum 100. Jahrestag des Erstflugs fällt heute das Startsignal für einen originalgetreuen Nachbau des ersten Metallflugzeugs der Welt durch das Junkers Museum in Dessau. Unter www.J1-Project.com hat eine Crowdfunding-Kampagne für das ehrgeizige Projekt begonnen.

Von Martin Prem

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