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Konjunktur

2010 wieder vier Millionen Arbeitslose?

München - Die Konjunkturprognosen für Deutschland werden immer dürsterer. Ifo sieht 2009 ein Schrumpfen der Wirtschaft von 2,2 Prozent und eine Zunahme der Arbeitslosenquote von 7,5 auf 8,0 Prozent. Auch 2010 drohe die Talfahrt anzuhalten.

Deutschland steht vor einer Rezession historischen Ausmaßes, prognostizieren nun immer mehr Wirtschaftsforscher. „2009 wird das Bruttoinlandsprodukt um 2,2 Prozent schrumpfen, was eine dramatische Zahl ist“, sagte der Präsident des Münchner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung. Andere Prognosen (wie die der OECB mit 0,8 Prozent) bleiben wesentlich optimistischer. 2010 folge, so Sinn, voraussichtlich ein zweites Rezessionsjahr mit einer um 0,2 Prozent rückläufigen Wirtschaftsleistung, nachdem sich dieses Jahr noch ein Plus von 1,5 Prozent abzeichnet. Das trifft zunehmend auch den Arbeitsmarkt. Die Zahl der Arbeitslosen von in diesem Jahr im Schnitt knapp 3,3 Millionen werde 2009 noch relativ moderat auf knapp 3,5 Millionen steigen und dann aber 2010 auf beinahe vier Millionen anwachsen, prognostizierte Sinn. Die historischen Höchststände mit über fünf Millionen Arbeitslosen im Jahr 2005 drohten Deutschland aber nicht, obwohl der Absturz aller Volkswirtschaften rund um den Globus zumindest in der Nachkriegszeit alle Vergleichsmaßstäbe sprengt. Dafür hätten jüngste Reformen in Deutschland gesorgt.

Um die Talfahrt zusätzlich zu dämpfen empfiehlt Ifo der Bundesregierung Mitte 2009 ein Konjunkturprogramm im Volumen von mindestens 25 Milliarden Euro. Derzeit sei es dafür noch zu früh, sagte Sinn. In einem halben Jahr könne es aber volle Wirkung entfalten und die Abschwungkräfte knapp halbieren.

Mittel der Wahl seien eine Abschaffung des Solidaritätszuschlags und staatliche Investitionen in öffentliche Bauten und Infrastruktur, um den Bau zu stützen, forderte Sinn. „Die ganze Welt ist in der Rezession“, stellte der Ökonom klar. Da Deutschland als Exportnation wie ein Korken auf der Weltwirtschaft schwimme, löse das hierzulande wegen senkrecht wegbrechender Märkte die schärfste Talfahrt seit 1945 aus.
Globale Wachstumslokomotiven wie China verlören erheblich an Fahrt. Die USA benötigten gar ein ganzes Jahrzehnt, um wieder auf die Beine zu kommen, schätzt Sinn. Es gebe aber auch Lichtblicke in der Krise. So sagt Ifo für 2009 dem privaten Konsum, der dieses Jahr noch minimal rückläufig sein dürfte, ein Plus von 0,6 Prozent voraus. Ein Grund dafür sei, dass die Inflationsrate von 2,6 auf 0,9 Prozent sinken dürfte. Gleichzeitig werde die Neuverschuldung des Staats in den nächsten beiden Jahren wieder spürbar zunehmen und 2010 fast drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreichen.

Wegen der historischen Einzigartigkeit der Lage seien die Risikofaktoren für die Prognose allerdings immens, räumte Ifo-Konjunkturexperte Kai Carstensen ein. Möglich seien zum einen wesentlich schärfere Einbrüche der Wachstumsmaschine China oder eine „ausgewachsene Kreditklemme“ im Inland, bei der die Wirtschaft nicht mehr mit Krediten versorgt wird. Die schlimmsten Szenarien beinhalten für Deutschland 2009 einen Rückgang der Wirtschaftsleistung von 3,5 Prozent.
Wenn man die unvermindert tobende Bankenkrise hierzulande dagegen rasch in den Griff bekomme, könnte die Talfahrt aber auch deutlich weniger dramatisch ausfallen, sagte Carstensen. Im besten Fall sagt Ifo dem Bruttoinlandsprodukt 2009 ein Minus von einem Prozent voraus. Die Münchner Wirtschaftsforscher stehen mit ihrer Sicht nicht alleine. Das Rheinisch- Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) hat für 2009 eine hierzulande um zwei Prozent schrumpfende Wirtschaft prognostiziert. Die Bundesregierung kalkuliert dagegen für 2009 noch mit einem kleinen Wirtschaftswachstum von 0,2 Prozent.

Thomas Magenheim-Hörmann

Banken wollen umdenken

Mehr Bescheidenheit: Eine Neuausrichtung der Finanzbranche und mehr Bescheidenheit der Banker müssen nach Ansicht von Commerzbank-Chef Martin Blessing Lehren aus der Finanz- und Wirtschaftskrise sein. „Alle Kreditinstitute in Deutschland müssen über ihr Geschäftsmodell nachdenken: Was tun wir eigentlich?“, sagte Blessing. Er mahnte: „Die vornehmste Kernaufgabe einer Bank ist, die Einlagen ihrer Kunden zu sichern.“ Die Banken müssten weg von zu komplizierten Produkten und einer „reinen Modellgläubigkeit“.

Verständliche Produkte: An die Adresse seiner Branche sagte Blessing: „Wir brauchen wieder einfachere, verständlichere Finanzprodukte.“ Er selbst tue sich bei manchem strukturierten Produkt schwer, „es nachzurechnen“. Die Finanzmarktkrise war durch sogenannte strukturierte Produkte, in denen zum Beispiel Ramschkredite häppchenweise verkauft wurden, beschleunigt worden. Die Verteilung des Kreditrisikos auf mehrere Schultern bleibe jedoch wichtig, erklärte Blessing: „Ein Teil des Verbriefungsmarktes ist nichts anderes als ein Kreditrückversicherungsmarkt – man darf ihn bloß nicht übertreiben.“

Geldmarkt ankurbeln: Es müsse allen darum gehen, Auswege aus der „globalen Vertrauenskrise“ zu finden, sagte Blessing. „Wir müssen den Geldmarkt zwischen den Banken wieder ins Laufen bekommen, aber das wird nicht die Lösung aller Probleme sein. Ein Problem ist auch die Verweigerung institutioneller Investoren. „Er sprach sich auch dafür aus, die Finanzaufsicht Bafin am Bankenplatz Frankfurt anzusiedeln.

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