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Fitnessspritze für die Branche. Die Verschrottungsprämie hilft nach Expertenansicht der Autobranche, 300 000 Neuwagen zusätzlich zu verkaufen.

Gute Zeit für Autokauf

2500 Euro für die Verschrottung

Konjunkturpaket sei Dank: Wer ein neues Auto kauft und sein altes aus dem Verkehr zieht, bekommt dafür vom Staat Geld. Wer sich für ein sparsames Modell entscheidet, profitiert doppelt. Denn die Kfz-Steuer orientiert sich künftig am CO2-Ausstoß.

Abwrack-Prämie, Umwelt-Prämie – was die Große Koalition nun für Autokäufer beschlossen hat, wird ganz unterschiedlich bezeichnet. Klar ist: Der immer älter werdende Fahrzeugbestand auf den Straßen soll verjüngt werden.

2500 Euro bekommt jeder Neuwagenkäufer, wenn er gleichzeitig ein mindestens neun Jahre altes Auto verschrotten lässt. Weil neuere Fahrzeuge dank wirksamerer Abgasbehandlung sauberer sind, springt auch für die Umwelt etwas heraus. Industrievertreter sehen zudem Vorteile durch den geringeren Spritverbrauch neuer Modelle. „Wenn wir das Durchschnittsalter der Fahrzeugflotte von fast neun Jahren um ein Jahr reduzieren, spart das zwei Millionen Tonnen CO2“, sagte Matthias Wissmann, Präsident des Branchenverbands VDA. Das begrüßten gestern auch die Autofahrerclubs ADAC und AvD.

Nutzen umstritten

Allerdings ziehen Kritiker den Umweltnutzen in Zweifel: 20 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs eines Fahrzeugs fallen bei der Produktion an, rechnet Greenpeace vor. Der Spritbedarf neuerer Modelle sei nicht deutlich genug zurückgegangen, um dies in absehbarer Zeit wieder auszugleichen. Auch der ökologisch orientierte Verkehrsclub Deutschland lehnt die 2500-Euro-Prämie grundsätzlich ab. Mit einer Einschränkung: Es sei sinnvoll, alte Dieselmotoren aus dem Verkehr zu ziehen.

Zweifel an der ökologischen Wirkung können aufkommen: Wer seinen alten Mittelklasse-Kombi gegen eine neue Großraumlimousine oder gar einen Geländewagen austauscht, bekommt die Subvention auch – obwohl er der Umwelt unterm Strich nichts Gutes tut. Ein Abstieg von der alten Limousine zum neuen Kleinwagen bringt einen deutlich positiveren Effekt. Der Käufer bekommt aber in diesem Fall ebenfalls nur 2500 Euro Zuschuss.

Absatz wird beflügelt

Ein zweiter Effekt der Verschrottungsprämie gilt als gesichert: Der Absatz der notleidenden Autoindustrie wird beflügelt. Mit 300 000 zusätzlichen Verkäufen von Neufahrzeugen rechnen Experten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhousecoopers. Auf der anderen Seite wird der Markt für Gebrauchte einbrechen. Alte Autos, deren Wert unter 2500 Euro liegt, werden voraussichtlich kaum noch angeboten. Es wird lohnender, die Autos nicht mehr zu verkaufen, sondern zu verschrotten.

Nicht nur beim Kauf fabrikneuer Fahrzeuge soll die Abwrack-Prämie gelten, sondern auch beim Erwerb von Jahreswagen. Das schützt Mitarbeiter der Autobranche vor Verlusten. Deren Jahreswagen wären anderenfalls unter dem Strich teilweise teurer als Neuwagen und damit praktisch nur mit hohem Verlust verkäuflich.

Haltefrist ein Jahr

Doch nicht jeder hat Anspruch auf die Prämie: Käufer, die das zu verschrottende Auto weniger als ein Jahr gehalten haben, gehen leer aus. Dadurch soll verhindert werden, dass sich findige Neuwagenkäufer schnell noch mit einem billigen uralten Gebrauchten eindecken, um die Prämie mitzunehmen.

Unerheblich ist hingegen, ob es sich beim gekauften Neuwagen um ein deutsches Autos handelt oder ein ausländisches. Jede andere Regelung würde gegen EU-Recht und internationale Handelsabkommen verstoßen.

Es lässt sich auch nicht ohne weiteres abgrenzen, was ein deutsches, europäisches oder ausländisches Auto ist: Die meisten Opel-Modelle kommen zwar aus Deutschland. Der Konzern General Motors aber ist amerikanisch. Viele Japan-Autos für Europa kommen aus Werken in England, ebenso der Mini des bayerischen BMW-Konzerns. Der weißblaue BMW X3 wird bei Magna in Österreich gebaut und der X5 in Amerika.

Dazu erschwert noch die internationale Arbeitsteilung einen handhabbaren Herkunftsnachweis. In fast allen deutschen Audis (und vielen VW-Modellen) sind Motoren aus Ungarn verbaut. Diese aber enthalten Kurbelwellen, Ventile und Kolben aus Deutschland. Umgekehrt liefern Bosch und Continental, aber auch bayerische Zulieferer wie Leoni, Webasto oder Dräxlmaier in die ganze Welt. Ihre Einspritzanlagen, Bremssysteme, Kabelbäume, Cabriodächer oder Innenausstattungen finden sich in den Modellen von Herstellern aus aller Welt. Jedes Auto ist heute das Produkt internationaler Arbeitsteilung.

Zwei Steuerwelten

Schnellentschlossene Autokäufer profitieren noch bis zum 30. Juni von der bereits im vergangenen Jahr beschlossenen Steuerbefreiung bei Neuwagen für ein Jahr (bei Einhaltung der Euro-Normen 5 oder 6 sogar zwei Jahre). Wer später ein neues Auto erwirbt, muss zum Steuersparen auf den Verbrauch achten. Billiger wird es, wenn ein Auto wirklich sparsam ist und entsprechend wenig CO2 ausstößt. Das klimaschädliche Gas wird ab Mitte 2009 zum entscheidenden Steuer-Maßstab. Dann gilt: Autos, die weniger als 120 Gramm (ab 2011: 110) Gramm CO2 pro Kilometer Fahrstrecke in die Umwelt blasen, zahlen nur einen verhältnismäßig geringen Sockelbetrag. Das nun noch fehlende Geld holt sich der Fiskus bei den Spritschluckern. Mit jedem Gramm mehr wird es teuer.

Für Altautos soll vorerst weiter die bisherige Hubraum-Besteuerung gelten, die erst im Jahr 2013 auf die neuen Regeln umgestellt werden soll.

Von Martin Prem

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