40-Stunden-Woche: Experten sehen darin kein Allheilmittel

- München - Alle sollen länger arbeiten, dann floriert die Wirtschaft wieder. Während Stimmen aus der Politik weit in Richtung 40-Stunden-Woche trommeln, mischen sich in diesen Chor auch andere Stimmen. Es ist nämlich nicht gesichert, dass Mehrarbeit mehr Arbeitsplätze schafft.

<P>"Wir haben noch keine Erfahrungen, was genau passiert, wenn man die Arbeitszeit verlängert", räumt Thomas Bauer vom Wirtschaftsforschungsinstitut RWI ein. Gleichwohl hält er eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche für sinnvoll.<BR><BR>Groß kann der Effekt letztlich nicht sein. Denn mit durchschnittlich 39,9 Stunden (umgerechnet auf Vollzeitarbeitsplätze), arbeiten die Deutschen mehr als allgemein bekannt. Das ergab der Mikrozensus 2001. Daten des Statistischen Bundesamtes, weichen davon zwar ab; doch dies hat einen Grund: Bei diesen Werten werden Teilzeitjobs berücksichtigt, was die durchschnittliche Arbeitszeit zwangläufig senkt. Darauf weisen die Statistiker zwar regelmäßig hin, doch die OECD und viele Experten, die diese Daten interpretieren, vernachlässigen dies.<BR><BR>Das Hamburgische Welt-Wirtschafts-Archiv sieht in Arbeitszeitverlängerung jedenfalls kein Allheilmittel. Eine Ausweitung der Arbeitszeit sei nur sinnvoll, wenn sich die Mehrproduktion auch absetzen lasse, sagt Arbeitsmarktexperte Jörg Hinze. Habe das Unternehmen keine zusätzliche Absatzmöglichkeiten, führe die Verlängerung zu Arbeitsplatzabbau.<BR><BR>Eine Volkswirtschaft reagiert auf vermeintliche Patentrezepte häufig anders als erwartet. So war die Reduzierung der Wochenarbeitszeit auf 35 Stunden als Beitrag zum Abbau der Arbeitslosigkeit gedacht. Die Rechnung ging nicht auf. Es waren nicht genügend qualifizierte Arbeitskräfte vorhanden um die Lücken zu füllen. Zum anderen wurde Arbeit verdichtet und die Rationalisierung vorangetrieben. Damit wurde Beschäftigung eher abgebaut. Ein Nebeneffekt war, das vor allem ältere Arbeitnehmer das gestiegene Tempo nicht halten konnten und nach und nach aus dem Arbeitsprozess gedrängt wurden. Die Verkürzung der Arbeitszeit hat also das Problem Arbeitslosigkeit eher verschärft.<BR><BR>Sich von einer Verlängerung Milderung zu erwarten, könnte ebenfalls ein Trugschluss sein: Denn Rationalisierungsprozesse lassen sich beschleunigen oder verlangsamen aber nicht umkehren. <BR><BR>Doch über Kostensenkung könnte sich die Verlängerung von Arbeitszeiten zu verstärktem Exportwachstum führen und - allerdings mit Verzögerung - zu zusätzlicher Beschäftigung führen. Da längere Arbeitszeiten durch den Wegfall von Überstundenzuschlägen Lohnsenkungen zur Folge hätten, würden sie das Problem der mangelnden Binnenkaufkraft aber eher verschärfen.<BR><BR>Eine pauschale Verlängerung der Arbeitszeit könnte vor allem auch Unternehmen schaden, die aus der Not kürzerer Arbeitszeiten die Tugend größere Flexibilität gemacht haben. Bei 35 Stunden Durchschnitt lassen viele Betriebe ihre Arbeitszeit nach Auftragslage zwischen 25 und 45 Stunden schwanken. Steigt der Durchschnitt, werden die Spielräume zwangsläufig enger. Denn rechtliche und gesundheitliche Grenzen, wie die mit zunehmener Arbeitsdauer schwindende Konzentrationsfähigkeit, markieren Obergrenzen, die Betriebe auch im eigenen Interesse nicht überschreiten wollen.<BR><BR>Praktiker fordern deshalb vor allem mehr betriebliche Spielräume und die Abkehr von Pauschalregelungen. Forderung nach einer bundeseinheitlichen 40-Stunden-Woche kommen vor allem aus der Politik. So sieht der hessische Ministerpräsident Roland Koch die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche als Selbstverständlichkeit. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse will dagegen Mehrarbeit nur im Westen. Viel zu sagen hat die Politik ohnehin nicht. Nur die Höchstarbeitszeit (6 Tage, 60 Stunden pro Woche) und der Mindesturlaub (4 Wochen) ist festgelegt. Den Rest regeln die Tarifparteien oder auch Arbeitgeber und Arbeitnehmer untereinander.<BR><BR></P>

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