5,22 oder "nur" 3,99 Millionen: Wie verschwinden 1 230 000 Arbeitslose

- Nürnberg - Sind es nun 5,22 Millionen oder 3,99 Millionen Menschen - keine Statistik sagt wirklich aus, wie viele Menschen in Deutschland wirklich nach Arbeit suchen. Nun gibt es auch hier zwei Zahlenwerke. Die neue Statistik der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), die nun auch hierzulande monatlich verkündet werden soll, sieht weniger hässlich aus, zeigt aber vor allem eines: Andere Länder tarnen ihre Arbeitslosen noch deutlich besser.

<P>Verstecken war mehr als ein Jahrzehnt lang auch die bevorzugte Methode deutscher Regierungen (unabhängig davon, wer sie stellte). Da werden Ältere einfach nicht mehr mitgezählt. Oder Menschen ohne Arbeit, die in irgendwelchen Fortbildungsmaßnahmen geparkt sind, werden behandelt als hätten sie dadurch schon Arbeit. Doch diese kosmetischen Operationen an der Statistik sind, gemessen an internationalen Gepflogenheiten, vergleichbar mit dem Einsatz der Puderdose. Andere greifen da lieber zur Chirurgensäge. So schneidet Großbritannien großzügig alles aus dem Zahlenwerk heraus, was auch nur annäherungsweise in Richtung Langzeitarbeitslosigkeit weist. <BR><BR>Kosmetik: Puderdose oder Chirurgensäge?<BR><BR>Regionen wie das ehemalige mittelenglische Industrierevier, wo wesentliche Teile der Bevölkerung schon in der zweiten oder dritten Generation von staatlicher Unterstützung leben, liegen auf diese Weise an der Grenze zur Vollbeschäftigung. So kommt es, dass im Vereinigten Königreich - umgekehrt wie in Deutschland - die Vergleichszahlen der ILO sogar schlimmer aussehen, als die von den Briten auf eigene Faust erhobenen.<BR><BR>Dabei wird auch international nach allen Regeln der Statistik-Kunst schöngerechnet: Wer nur eine Stunde in der Woche gegen Entgelt arbeitet, gilt nach ILO-Maßstab schon nicht mehr als arbeitslos. Und wer nicht arbeitet, aber in den letzten vier Wochen auch nicht aktiv nach einer Stelle gesucht hat, fällt aus der ILO-Statistik.<BR><BR>Unter dem Strich bleibt ein Zuwachs von 161 000</P><P>Mit den Hartz IV Reformen ging Deutschland den umgekehrten Weg. Plötzlich werden Menschen wieder als arbeitslos gezählt, die eigentlich keine Arbeit mehr suchen und bisher als Sozialfälle galten. Wer arbeitsfähig ist, gilt nicht als arbeitslos. Das vor allem hat dazu beigetragen, dass die Arbeitslosenzahlen sprunghaft angestiegen sind. Immerhin 370 000 der neuen Arbeitslosen werden auf dieses Konto gerechnet.<BR><BR>Dass die für die Sozialhilfe zuständigen kommunalen Behörden, um nicht mehr zahlen zu müssen, reihenweise auch Drogenabhängige auf Entzug, Schwerstkranke und Querschnittsgelähmte, der Bundesagentur zuschieben, ist bekannt. Der Umfang dieses Missbrauchs aber ist noch nicht feststellbar - und damit nicht, wie weit dadurch die Zahlen zusätzlich in die Höhe getrieben wurden. Ein Vergleich mit den Vorjahren ist nur eingeschränkt möglich.<BR><BR>Als sicher gilt: Auch der harte Winter hat den saisonüblichen Anstieg dramatischer ausfallen lassen als gewöhnlich. Zieht man die saisonalen Effekte ab, bleibt unterm Strich im Jahresvergleich ein Zuwachs von 160 000 bei den Arbeitslosenzahlen.<BR><BR></P>

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