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Ein Schneeballsystem verbarg sich in den vergangenen Jahren hinter den Geschäftspraktiken bei der P&R-Container-Gruppe. Davon ist auch der Insolvenzverwalter überzeugt.

Am 17. und 18. Oktober

54.000 Geschädigte! Geprellte Anleger der Münchner P&R-Gruppe füllen Olympiahalle

In einem der größten Anlage-Betrugsfälle der vergangenen Jahrzehnte können Zehntausende Gläubiger und Geprellte der insolventen Containerinvestment-Gruppe P&R nun ihre Forderungen anmelden. Das Insolvenzverfahren wurde jetzt offiziell eröffnet.

München – Wenn jemand die Münchner Olympiahalle mit ihren bis zu 15.500 Plätzen zwei Tage hintereinander bucht, ist in der Regel eine angesagte Rockband in der Stadt. Am 17. und 18. Oktober steht aber Insolvenzverwalter Michael Jaffé auf der Bühne. Sein Publikum wird ihm nicht zujubeln. Denn an diesen Tagen werden die ersten Gläubigerversammlungen für die seit März Pleite gegangenen Anlegerfirmen der Münchner P&R-Gruppe abgehalten und 54.000 Geschädigte verlangen nach einem großen Veranstaltungsort.

Container verkauft, die es nie gab

Deren Befürchtungen sind nun zur Gewissheit geworden. Denn Jaffé hat nun auch offiziell ein zuletzt von Experten schon vermutetes Schneeballsystem bestätigt, das angesichts der Schadensdimension von geschätzt rund 2,6 Milliarden Euro bundesweit einmalig ist. Jaffés aktuelle Zwischenbilanz lässt jedenfalls keinen Deutungsspielraum mehr. Die vier insolventen P&R-Pleitegesellschaften hätten über Jahre hinweg Verträge mit Anlegern über Schiffscontainer geschlossen, die es de facto nie gegeben hat, hat der erfahrene Insolvenzexperte aufgedeckt. „Vielmehr wurden die neu eingeworbenen Gelder dazu genutzt, laufende Verbindlichkeiten gegenüber Altanlegern zu begleichen“, schreibt Jaffé. Ein solches Vorgehen definiert klassisch ein illegales Schneeballsystem mit anschließender Kriminalinsolvenz. Begonnen habe das kriminelle Tun 2007, hat Jaffé enthüllt. Damals beginnend hätten bei P&R auch keine finanziellen Mittel mehr zur Verfügung gestanden, um die zu kleine Containerflotte wieder aufzubauen und Fehlmengen zu reduzieren, betont der Experte.

Die handelnden Akteure, allen voran P&R-Gründer Heinz Roth, wussten demnach seit über einem Jahrzehnt, dass ein Ende mit Schrecken unvermeidlich ist. Dennoch wurden noch bis Anfang 2018 neue Anlegergelder eingeworben, bis das illegale System schließlich kollabiert ist. Nun fehlen über eine Million Container. 1,6 Millionen Boxen sollten es laut P&R-Büchern eigentlich sein. 618.000 Stück hat Jaffé aber nur vorgefunden. Darüber hinaus ist immer noch unklar, wie alt die existierenden Container sind. Anlegern versprochen war der Kauf neuer Boxen. Experten fürchten, dass ihnen gebrauchte Ware angedreht worden ist. Das würde die Restwerte weiter schmälern.

Anleger erwarben kein Eigentum

Auch können Anleger, die glauben, für sich zuordenbare Container erworben zu haben, das wohl vergessen. Individueller Besitz ist ihnen bei Vertragsabschluss mit P&R zwar versprochen worden. Nach intensiverem Blick in die Details kommt Jaffé aber zum Schluss, dass Anleger „kein Eigentum erworben haben“.

Entweder gebe es in den Verträgen gar keine rechtlich verbindliche Bezugnahme zu bestimmten Containern oder diese seien schlicht nicht identifizierbar. Das habe mittlerweile auch das Landgericht München bestätigt. Die rechtlichen Schlussfolgerungen aus diesen Fakten seien noch nicht abgeschlossen, sagt Insolvenzverwalter Jaffé. Das gestalte sich auch schwierig, weil viele Dokumente nicht elektronisch gespeichert seien und nur in Papierform vorlägen, was mühselige Auswertungen nach sich ziehe. Anhaltspunkte für ein betrügerisches Verschieben größerer Geldsummen gebe es bislang nicht.

„Es bestehen Haftungsansprüche“

Jaffé bereitet sich aber auf Klagen vor. Es bestünden Haftungsansprüche. „Die Anleger haben ein Recht darauf, dass die Verantwortlichen auch zivilrechtlich zur Rechenschaft gezogen werden,“ erklärte der Involvenzverwalter. Strafrechtlich ermitteln bereits Staatsanwälte. Zugleich warnt Jaffé davor, an Schadenersatzklagen große finanzielle Erwartungen zu knüpfen. „Die daraus bestenfalls zu generierenden Vermögenswerte werden kaum geeignet sein, die enormen Schäden in Milliardenhöhe auch nur ansatzweise auszugleichen“, betont er. Im Feuer stehen Anlegergelder im Gesamtvolumen von 3,5 Milliarden Euro.

von Thomas Magenheim-Hörmann

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