5500 Kilometer östlich von Moskau: Wo Chodorkowski büßen muss

- Moskau - Tage und Nächte rollte der Gefängniswaggon mit Michail Chodorkowski von Moskau aus in Richtung Osten. Erst kurz vor dem Ziel im tiefsten Sibirien erfuhr der Kreml-Kritiker und einst reichste Russe, wo er die nächsten Jahre verbringen muss. Nach fast einer Woche auf den Schienen war Endstation im Straflager von Krasnokamensk an der chinesischen Grenze, 5500 Kilometer östlich von Moskau.

Froh und erleichtert sei Chodorkowski in den ersten Minuten nach der Ankunft in Krasnokamensk gewesen, berichtet der Anwalt Anton Drel nach einem Treffen mit seinem Mandanten. Der frühere Eigentümer des Ölkonzerns Yukos habe seine "Schapka", die Häftlingsmütze, abgenommen und die Natur genossen. "Ich habe die Sonne wieder gespürt, zum ersten Mal seit zwei Jahren", sagte Chodorkowski seinem Anwalt. Bis zu seiner endgültigen Verurteilung zu acht Jahren Lagerhaft wegen Betrugs und Steuerhinterziehung im September hatte Chodorkowski 23 Monate im finsteren Moskauer Untersuchungsgefängnis "Matrosenruhe" gesessen.

Der Oligarch, der bis zu seiner Verhaftung das Leben eines Milliardärs mit Luxusvilla und Privatjet führte, bestellte sich Tolstois 928 Seiten dicken Roman "Krieg und Frieden" in die Zelle. Die örtliche Strafvollzugsbehörde teilte vorsorglich mit, Chodorkowski sei nicht zum Faulenzen im Gefängnis. Er müsse wie jeder andere Strafgefangene auch täglich zwei Stunden lang Fußböden wischen, Müll wegtragen oder ähnliche Arbeiten verrichten.

Der studierte Chemiker Chodorkowski könnte seine im Schnitt 20 Jahre jüngeren Mithäftlinge in der Gefängnisschule in Naturwissenschaften unterrichten. Dann stünden dem Mann, dessen Vermögen noch vor zwei Jahren auf über zwölf Milliarden Euro geschätzt wurde, monatlich 700 Rubel (20 Euro) zu.

Seit Chodorkowskis Ankunft in Krasnokamensk überschlagen sich die Moskauer Tageszeitungen mit Berichten über dessen angeblichen Alltag. Russlands größtes Uranbergwerk ganz in der Nähe verstrahle die gesamte Region, berichtet die Zeitung "Nowyje Iswestija". Die Häftlinge müssten radioaktiven Staub und Radongas einatmen, die aus den Schächten stiegen. Die Behörden dementierten eine Gesundheitsgefährdung ebenso wie die Behauptung, die Insassen müssten in der Uranmine Zwangsarbeit leisten.

Für die nächsten Jahre wird Chodorkowski sein Zuhause mit 1000 anderen Männern teilen. Wie der Oligarch auch müssen die meisten Häftlinge für Eigentumsdelikte büßen. Drei bis fünf Jahre sitzen die Wiederholungstäter für einen Kiosk-Einbruch oder den Diebstahl eines Mopeds. Schon vor Monaten ahnten die Menschen in Krasnokamensk, dass sich ein prominenter Häftling ankündigte. Ranghohe Vertreter der Staatsanwaltschaft, des Justizministeriums und des Geheimdienstes gaben einander die Klinke in die Hand. Plötzlich wurden Straßen in der Stadt ausgebessert. "Bald kommen doch die Kontrolleure von der Europäischen Kommission, um die Haftbedingungen zu prüfen", sagten die Menschen zur Erklärung. Vor Chodorkowskis Ankunft habe man die Landstraße nach Krasnokamensk allenfalls mit dem Panzer befahren können.

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