Mehr Animateur als Moderator: Jürgen Milskis Aufgabe bei 9Live war es sechs Jahre lang, die Zuschauer zum Anrufen zu motivieren. Doch seit die Quizsendungen transparenter werden mussten, griffen immer weniger zum Hörer.

9Live: Bitte nicht mehr anrufen

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München/Unterföhring - ProSiebenSat1 stellt die Quizsendungen seines Anruf-Kanals 9Live ein. Die oft als Abzocke gescholtenen Sendungen lohnen sich nicht mehr - auch wegen neuer Regeln. Es ist das Ende eines Geschäftsmodells.

Die letzte Sendung, die Jürgen Milski am 31. Mai moderieren wird, heißt passenderweise „Feierabend“. Danach ist Schluss - endgültig. 9Live stellt seine Quizsendungen ein. „Ich bin natürlich total traurig“, sagt der 47-Jährige gestern vor seinem Auftritt als Schlagersänger in der Diskothek „Oberbayern“ auf Mallorca. „Die sechs Jahre, die ich dabei war, waren eine schöne Zeit.“ Milski, der durch seine Teilnahme an den ersten Big-Brother-Sendungen bekannt wurde, war in den vergangenen Jahren zu einem der Gesichter des umstrittenen Unterföhringer Senders geworden.

„Klar war der Sender oft in der Kritik“, gibt Milski zu. Seine Aufgabe als Moderator war es, so viele Menschen wie möglich dazu zu bewegen, eine kostenpflichtige Nummer anzurufen. Ein paar hundert Euro konnte man gewinnen - falls man durchkam. Als 9Live am 1. September 2001 als Nachfolger des Frauenkanals tm3 auf Sendung ging, war das ein völlig neues Geschäftsmodell: Ein Fernsehsender, der sich nicht über Werbung oder Abogebühren finanziert, sondern durch die Anrufe seiner Zuschauer. Das Modell wurde oft kopiert, jetzt ist es pleite.

ProSiebenSat1, die Muttergesellschaft von 9Live, hat überraschend schnell das Ende des Quizsenders beschlossen. Ab Juni wird das Live-Programm eingestellt, dann sollen „bis auf Weiteres“ nur noch alte Filme und Serien gezeigt werden, sagt Sprecher Marcus Prosch. Beim Namen soll es vorerst bleiben, obwohl dann nichts mehr live ist bei 9Live. Am Ende sorgten nicht die zahlreichen Bedenken von Verbraucherschützern und Medienwächtern oder die juristischen Auseinandersetzungen für diese Entscheidung bei ProSiebenSat1, sondern die Zuschauer selbst. Denn die riefen immer seltener an. In nur einem Jahr sank der Umsatz von 9Live um mehr als 34 Prozent von 14 Millionen Euro im ersten Quartal 2010 auf nur noch 9,2 Millionen in den ersten drei Monaten dieses Jahres.

Um die Konzernbilanz nicht weiter zu belasten, hat ProSiebenSat1 die Notbremse gezogen. Denn trotz der schlechten Zahlen des Quizsenders steuert die Sendergruppe auf ein Rekordjahr zu. Im ersten Quartal wuchs der Umsatz um 3,7 Prozent gegenüber 2010 auf 682,8 Millionen Euro, der Gewinn stieg um 76,5 Prozent auf 38,3 Millionen Euro.

Schon seit einigen Monaten gab es Gerüchte, das Ende von 9Live könnte bevorstehen, dass es nun so schnell geht, überraschte aber sogar die Mitarbeiter. Erst Anfang der Woche teilte man den 60 festangestellten Mitarbeitern und den 12 freien Moderatoren mit, dass es ihre Jobs am Monatsende nicht mehr geben wird. Man bemühe sich aber, innerhalb der Sendergruppe neue Arbeitsplätze für sie zu finden, sagt Sprecher Prosch.

Doch woran ist 9Live gescheitert? „Im Grunde ist es ganz einfach“, sagt Jürgen Milski, „das Angebot war da, aber die Nachfrage nicht.“ Dazu hätten auch die neuen Regeln beigetragen. Seit 2009 müssen die Sender ihre Gewinnspiele deutlich transparenter gestalten. Sie dürfen beispielsweise nicht mehr vortäuschen, dass es keine Anrufer gebe, obwohl die Leitungen glühen. Seit dieser Neuerung der Landesmedienanstalten ging es mit den Umsätzen von 9Live bergab.

„Das Modell hat sich nach zehn Jahren auch einfach überlebt“, glaubt Jürgen Milski. Das sieht auch Prosch so: „Call-TV liegt einfach nicht mehr im Trend.“ Es sei schwer zu beurteilen „in welchem Ausmaß die neuen Gewinnspielregeln ein Grund dafür waren“. Das kann auch Lina Ehrig nicht sicher sagen. Sie beschäftigt sich beim Bundesverband der Verbraucherzentralen mit 9Live und den zahlreichen Beschwerden der Zuschauer. Ihr Urteil ist klar: „Wir sind nicht traurig, dass 9Live eingestellt wird.“

Philipp Vetter

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