Abgabenlast in Deutschland enorm

München - Deutsche Arbeitnehmer werden wie in kaum einem anderen Industriestaat durch hohe Abgaben zur Kasse gebeten. 2011 stieg die Abgabenlast sogar noch leicht an, fand die OECD heraus.

Das Gefälle zwischen Brutto und Netto auf dem Lohnzettel schmerzt immer – egal wie hoch das Gehalt ist. Doch wie steil es mit dem Verdienst unterm Strich bergabgeht, hängt stark mit der Einkommensklasse zusammen. Die vergangenen Jahre hinweg waren es die Topverdiener, die am meisten entlastet wurden. Das belegt eine aktuelle Studie der OECD.

Kritik an Besserung für Singles

Das bestehende deutsche Steuersystem bevorzuge vor allem kinderlose Topverdiener, lautet ein Fazit der Autoren. Während Alleinerziehende seit dem Jahr 2000 0,5 Prozentpunkte weniger von ihrem Verdienst abgeben müssen, sind es bei überdurchschnittlich bezahlten Singles fünf Prozentpunkte weniger. Diese Entwicklung stößt auf Kritik bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Dennoch tragen die Topverdiener immer noch die höchste Abgabenlast – ihr Gehalt wird in Deutschland mit 51,3 Prozent belastet. Das von Alleinerziehenden mit 31,2 Prozent.

Eine noch stärkere Entlastung erlebten gut verdienende Singles in den vergangenen elf Jahren der Studie zufolge in Ungarn (– 7,5 Prozentpunkte auf 51,6 %) oder in Dänemark (– 6,6 Prozentpunkte auf 44,8 %). Dort sanken aber auch die Abgaben für Alleinerziehende deutlich (– 13,8 Prozentpunkte auf 20 % in Ungarn; – 3,3 Prozentpunkte auf 11,4 % in Dänemark). Besonders bitter für Mütter und Väter ist die Entwicklung in Island: Während reiche Singles dort seit dem Jahre 2000 1,4 Prozentpunkte weniger abgeben müssen, verlieren Alleinerziehende 12,8 Prozentpunkte mehr von ihrem Einkommen.

In Deutschland bleibt weniger vom Brutto

Über alle Einkommens- und Familienverhältnisse hinweg liegt Deutschland bei der Abgabenlast im internationalen Vergleich deutlich über dem Durchschnitt der OECD und landet meist unter den ersten sechs von 34 Plätzen. Nur in einer Kategorie rutscht die Bundesrepublik auf Platz zehn. Kinderlose Ehepaare mit großem Gehaltsunterschied müssen mit 34 Prozent weniger abgeben als etwa in der Türkei (36,3 %), Griechenland (37,8 %) oder Frankreich (42,3 %).

Nur Belgier geben noch mehr ab

Dennoch: „Innerhalb der OECD wird der Faktor Arbeit nur in Belgien (55,5 Prozent) noch stärker belastet als in Deutschland“, befinden die Autoren der Studie. Diese Aussage machen sie am kinderlosen Durchschnittsverdiener fest, dessen Einkommen um 49,8 Prozent schmilzt.

Sozialabgaben höher als Steuern

Insgesamt hat sich die Steuer- und Abgabenlast im vergangenen Jahr in 26 von 34 OECD-Ländern erhöht – meistens um weniger als einen Prozentpunkt. Der Trend zu immer niedrigeren Spitzensteuersätzen scheint gestoppt, notieren die Autoren.

Während die Steigerungen in der Mehrzahl der Länder auf höhere Einkommenssteuern zurückzuführen waren, erfolgte der Anstieg in Deutschland jedoch fast ausschließlich aufgrund gestiegener Sozialabgaben. Diese machen mit über einem Drittel den Löwenanteil der Belastung aus, teilte die Organisation mit. Der Steueranteil dagegen liege hierzulande bei rund 16 Prozent.

Für die Berechnungen berücksichtigt wurden allgemeine Transferleistungen wie Kindergeld, Sozialversicherungsbeiträge der Arbeitnehmer und Arbeitgeber und absetzungsfähige Pauschalen wie Werbungskosten.

Nicht enthalten sind andere Einkunftsarten wie aus selbstständiger Arbeit oder Vermietung einer Wohnung und bestimmte Steuervergütungen wie die Pendler-Pauschale. Auch Wohngeld und andere Leistungen für Bezieher geringer Einkommen blieben unberücksichtigt.

Lohnplus stärker als Abgabenplus

Als Durchschnittslohn zieht die OECD den durchschnittlichen Jahresbruttoverdienst eines Vollzeitarbeitnehmers in der Privatwirtschaft heran. „Dieser ist für Deutschland von 42 400 Euro im Jahr 2010 auf 43 855 Euro 2011 gestiegen“, teilt die Wirtschaftsorganisation mit. Ihren Berechnungen zufolge blieb den Deutschen im vergangenen Jahr trotz wieder leicht gestiegener Steuer- und Abgabenlast etwas mehr vom Arbeitseinkommen im Portemonnaie. Grund sind vor allem gestiegene Löhne und Gehälter, heißt es in der Studie.

Von Stefanie Backs

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