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Dicke Luft am mittleren Ring: Das Bayerische Landesamt hält daran fest, dort zu messen, wo die Belastung extrem hoch ist. Die entsprechende EU-Verordnung fordert aber etwas ganz anderes. 

Luftverschmutzung durch Stickoxid

Abgasmessungen in Städten: Missverstandene Standort-Vorschriften

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Das Bayerische Landesamt für Umwelt hält an den falsch platzierten Messstationen für Umweltbelastungen fest. Es glaubt, dass der richtige Ort auch keine besseren Messwerte bringt. 

München – Das Bayerische Landesamt für Umwelt hat auf unsere Recherchen zur falschen Aufstellung von Messstellen in München reagiert. Dabei wurde zumindest indirekt bestätigt, dass die Messstelle am Stachus eben nicht so steht, wie in der entsprechenden Verordnung seit 2010 vorgesehen ist – nämlich mindestens 25 Meter vom Kreuzungsrand entfernt.

Es sei sogar erwogen worden, die seit 40 Jahren bestehende Station umzusetzen. Eine Versetzung sei aber „aufgrund der engen räumlichen Verhältnisse in der Sonnestraße nicht möglich“, heißt es. Also lieber falsch messen als gar nicht messen.

Experten äußern Zweifel

„Modellierungen der Immissionsbelastung im Umfeld der Messstation haben gezeigt, dass ein von der Kreuzung weiter entfernter Messort keine verbesserten Messwerte zur Folge hätte“, schreibt die Behörde weiter. Mehrere unabhängige Experten – die allerdings nicht genannt werden wollen – haben gegenüber unserer Zeitung Zweifel an dieser Darstellung geäußert.

Auch der Standort Landshuter Allee ist nach Einschätzung des Landesamts korrekt gewählt. Die Behörde verweist auf eine Formulierung in der entsprechenden europäischen Verordnung, die es tatsächlich gibt: Demnach soll an Orten gemessen werden, an „denen die höchsten Konzentrationen auftreten, denen die Bevölkerung wahrscheinlich direkt oder indirekt über einen Zeitraum ausgesetzt sein wird, der im Vergleich zum Mitteilungszeitraum signifikant ist“.

Klingt kompliziert, ist aber einfach: Es geht um Orte, an denen sich Menschen freiwillig über einen längeren Zeitraum aufhalten. Das ist aber an der Stachus-Messstelle ebenso wenig der Fall wie am Mittleren Ring.

In anderen Ländern klappt es mit den Messungen

Nur wenige Zeilen weiter unten hätte die Behörde in der Verordnung gefunden, worauf es wirklich ankommt: „Die Probeannahmestellen müssen grundsätzlich so gewählt sein, dass sie für ein Gebiet von mehreren Quadratkilometern repräsentativ sind.“ Um das einzuhalten, sollte man einfach einmal in anderen europäischen Ländern um Nachhilfe bitten. Dort klappt das nämlich.

Unterdessen hat das Umweltbundesamt (UBA) eine lange angekündigte Studie vorgelegt: Demnach sei die Stickoxid-Belastung in Deutschland die Ursache für Krankheiten von Millionen Menschen und für tausende vorzeitige Tode. Im Jahr 2014 starben demnach 6000 Menschen vorzeitig an Herz-Kreislauf-Krankheiten, die auf die Langzeitbelastung mit Stickstoffdioxid zurückzuführen seien.

Wie UBA-Präsidentin Maria Krautzberger sagt, war das Gas in dem Jahr für acht Prozent der Typ-2-Diabetes- und 14 Prozent der Asthma-Erkrankungen verantwortlich. Insgesamt seien in Deutschland rund eine Million Krankheitsfälle auf Stickoxid, vor allem Stickstoffdioxid in der Außenluft zurückzuführen, hieß es ursprünglich auch. Dieser Passus war allerdings später auf der Internetseite des Amts nicht mehr zu finden.

„Keine Aussagen über ursächliche Beziehungen“

Doch genau solche Aussagen sind nicht zulässig. Das räumt das Umweltbundesamt indirekt auf seiner Internet-Seite ein. „Epidemiologische Studien ermöglichen (...) keine Aussagen über ursächliche Beziehungen“, heißt es dort. Doch daran fühlt sich die Präsidentin der Behörde offenbar nicht gebunden. Aus Sicht des UBA ist die Sterblichkeit aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch NO2 durch viele Studien mit übereinstimmenden Ergebnissen belegt. Im Rahmen epidemiologischer Studien werden Personen mit einer hohen NO2-Belastung mit Personen verglichen, die einer niedrigeren Konzentration ausgesetzt sind. Sie lassen aber keine Aussage zu, ob das Stickoxid oder andere Schadstoffe in der entsprechend hochbelasteten Luft für die Folgen verantwortlich sind.

Das ist auch der Grundfehler des europäischen Grenzwerts, der auf eine Empfehlung durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zurückgeht. Denn da wurde ignoriert, was in den entsprechenden Studien immer wieder aufgeführt ist: die Stickoxidbelastung sei ein starker Hinweis auf verkehrsbedingte Umweltbelastungen. Die meisten der WHO-Messungen stammen aus einer Zeit, als dieser Schadstoffmix aus einer ganzen Reihe höchst gesundheitsschädlicher Stoffe bestand: Schwefeldioxid, Schwefeltrioxid, Kohlenmonoxid, Asbest und Blei, um nur einige zu nennen. Würde nur Stickoxid reduziert, wäre in solchen Lagen nichts gewonnen. Das ist so, als würde man vor einer zubeißenden Schlange die Augen verschließen, um die Gefahr zu bannen.

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