Die Abgeltungssteuer kommt, das Geld geht

München - Die Abgeltungssteuer sollte mehr Kapital im Inland halten. Doch schon jetzt führt sie nach Expertenansicht zum Gegenteil: Geld wandert aus.

Die Abgeltungssteuer kommt ab 2009 ­ und macht Aktiengeschäfte in Deutschland mit einem Schlag weniger attraktiv. Künftig heißt es: 25 Prozent auf alles. Doch nicht jeder Anleger will sich so ohne weiteres damit abfinden, dass ihm der Staat einen ordentlichen Teil vom Gewinn abnimmt.

Wer Ausweichstrategien sucht, bekommt unzählige Vorschläge zur Geldanlage in Steueroasen jenseits der deutschen Grenze gemacht ­ legale wie illegale. Experten befürchten eine neue Kapitalflucht ins Ausland sowie einen Trend weg von der Aktie, hin zu Zinsprodukten.

"Die Abgeltungssteuer wird den Standort Deutschland nicht verbessern", ist Rüdiger Parsche, Steuerexperte des Münchner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, überzeugt. Jürgen Kurz, Sprecher der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW), geht davon aus, "dass einiges an Geld abfließt und schon jetzt aus dem Land ist". Kein Wunder, meint der Experte. Deutschland bekomme 2009 das "unattraktivste Recht für Aktienanleger in ganz Europa". Die Aktionäre seien die Verlierer der neuen Steuer.

Ab 2009 müssen auf Kursgewinne an der Börse 25 Prozent Steuern abgeführt werden. Zuzüglich Solidaritätszuschlag und Kirchensteuer werden gar 28 Prozent fällig. Die Abgeltungssteuer wird auch auf Dividenden fällig. Banken und Fondsgesellschaften behalten also von den Renditen jeden vierten Euro ein und führen ihn direkt ans Finanzamt ab. Was so manchen noch härter trifft, ist aber der Wegfall der Spekulationsfrist.

In Zukunft müssen Gewinne auf Wertpapiere, die nach Silvester 2008 gekauft wurden, immer versteuert werden ­ ganz gleich, wie lange sie im Depot lagen. Bislang gilt: Wer mit Aktien und Fonds erfolgreich ist und sie mindestens ein Jahr lang gehalten hat, muss null Euro an den Fiskus abgeben. Das Plus darf dann komplett steuerfrei kassiert werden. "Der Wegfall der Spekulationsfrist ist genau der Punkt, warum jetzt Wertpapierdepots ins Ausland verlagert werden", sagt auch Dieter Ondracek, Vorsitzender der Deutschen Steuergewerkschaft. Seine Erfahrung: "Wer nicht bereit ist, die Abgeltungssteuer zu zahlen, wird einen Weg finden, sie zu umgehen."

Was Anlagen in den sogenannten Steuerparadiesen wie Luxemburg oder Österreich so attraktiv macht: Zwar muss auch im EU-Ausland und in der Schweiz seit 1. Juli 2005 eine Quellensteuer abgeführt werden, allerdings nur auf Zinsgewinne und anonym. Die Banken führen die Abgabe automatisch ans Heimatland ab. Bis 2011 sollen es 35 Prozent sein. Kursgewinne von Aktien und Aktienfonds bleiben aber meist unangetastet, etwa in der Schweiz, in Liechtenstein und Luxemburg. In Österreich gilt eine Spekulationsfrist von einem Jahr, in Frankreich gibt es hohe Freibeträge, in England sinkt die Steuerlast mit zunehmender Haltedauer.

"Es gibt wenige, bis gar keine Länder in Europa, wo die Quellensteuer im Aktienbereich greift", betont DSW-Sprecher Kurz. Er kritisiert: "Kein Land um uns herum hat eine derart harte Besteuerung von Aktiengewinnen wie wir ab 2009, ohne jeden Freibetrag und ohne Inflationsausgleich."

Grundsätzlich ist es nicht verboten, Geld im Ausland zu investieren ­ solange man ehrlich ist, es dem Finanzamt daheim meldet und den Gewinn entsprechend versteuert. Ein Geldtransfer ins Ausland hilft dem Steuerehrlichen deshalb nur begrenzt weiter. "Trotzdem weicht der Bürger gern aus, wenn ihm zu Hause alles zu viel wird", meint Parsche.

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