Abschied von der Deutschland AG

- München/Frankfurt - Der Schock sitzt tief bei Deutschlands Top-Managern: Die Wirtschaftselite musste in diesem Jahr hilflos mitansehen, wie Hedgefonds als Anteilseigner eines Dax-Unternehmens die Muskeln spielen ließen und erstmals massiv in die Firmenpolitik eingriffen. Unter dem Druck kritischer Aktionäre um den britischen Hedgefonds TCI sagte die Deutsche Börse die angepeilte Übernahme der London Stock Exchange ab und erhöhte stattdessen, wie gefordert, die Ausschüttung an die Anteilseigner. Börsenchef Werner Seifert nahm nach monatelangem Machtkampf seinen Hut.

Wer noch das Bild der Deutschland AG als Bastion gegen den globalen Turbokapitalismus im Kopf hat, sollte sich davon jedenfalls langsam verabschieden. Galten lange Jahre einige wenige Großkonzerne, darunter die Münchner Allianz und die Deutsche Bank, als Strippenzieher der deutschen Wirtschaft, spielen jetzt Namen wie TCI und Blackstone eine immer größere Rolle.

Auch der Reisekonzern Tui hat bereits unangenehme Bekanntschaft mit den Fonds gemacht, die praktisch keiner Finanzaufsicht unterliegen. Tui wurde Ziel spekulativer Aktiengeschäfte. Die Fonds wetteten auf sinkende Kurse der Tui-Aktie und setzten das Papier des Reisekonzerns im vergangenen Sommer damit massiv unter Druck, Übernahmegerüchte machten die Runde. Firmenchef Michael Frenzel sprach von Dimensionen der Spekulationen, "die es in Deutschland noch nie gegeben hat".

Welche Macht Hedgefonds entwickeln können, zeigte sich in den 90er Jahren, als Spekulationen gegen das britische Pfund und die italienische Lira dazu führten, dass beide Währungen aus dem Europäischen Währungssystem flogen. Nun geraten durch die Auflösung der Deutschland AG zunehmend deutsche Unternehmen in das Visier dieser Fonds, die ihr Geld unter anderem durch Wetten und Termingeschäfte auf Kursentwicklungen von Aktien oder Anleihen verdienen.

"Alle Unternehmen, die keinen Großaktionär und große Geldmengen gebunkert haben, sind potenziell gefährdet für den Einstieg von Hedgefonds", meint Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz und beschreibt damit praktisch die Situation der Deutschen Börse: Die Aktien sind breit gestreut, es gibt keinen Großaktionär, der dem Angriff von Hedgefonds Paroli bieten könnte und die Kasse der Unternehmens ist gut gefüllt. Besser geschützt sind dagegen Konzerne wie der Autobauer BMW, der mehrheitlich der Familie Quandt gehört.

"Ich bin mir sicher, dass Hedgefonds schon durchrechnen, bei welchen Unternehmen große Barreserven sind und wie viel sie für eine Sperrminorität auf der Hauptversammlung brauchen. Die Deutsche Börse ist nur der Anfang", meint Kurz. Oft wissen die Firmen am Anfang nicht einmal, dass ein Hedgefonds bei ihnen eingestiegen ist. Denn ein Investor, der mehr als 5 Prozent an einem Unternehmen hält, muss dies nur mitteilen, wenn die Aktien ihm gehören, wie Kurz erläutert. Für geliehene Aktien, mit denen Hedgefonds oft zu Spekulationszwecken arbeiten, gilt die Bestimmung dagegen nicht. "Die Machtverhältnisse verschieben sich radikal und das Unternehmen und die anderen Aktionäre bekommen es gar nicht mit", beschreibt Kurz das Problem.

Der Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleitungsaufsicht (Bafin), Jochen Sanio, plädierte für eine globale Regulierung der Hedgefonds. Sie seien "die schwarzen Löcher des Weltfinanzsystems", warnte Sanio. Niemand kontrolliere sie. Sollte ein großer Hedgefonds unter seinen enormen Risiken zusammenbrechen, "könnte er große Finanzunternehmen mit in den Untergang reißen".

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