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„Abwärtsspirale mit unabsehbaren Folgen“

Berlin - Der Rating-Experte Oliver Everling spricht im Interview über die Bankenkrise, Staatsschulden und die Bonität des Bundes. Er sieht den Bund durch die hohen Schulden unter Druck.

Der Bund sitzt auf einem Schuldenberg von einer Billion Euro. Durch die Wirtschafts- und Finanzkrise wird die Staatsverschuldung in den kommenden Jahren dramatisch steigen. Bereits jetzt beläuft sich die jährliche Zinslast auf mehr als 40 Milliarden Euro. Nach der neuen Budgetplanung drohen bis 2013 weitere Schulden in Höhe von über 300 Milliarden Euro. Die gute Nachricht: Dank bester Bonität (Rating „AAA“) kommt der Staat zu niedrigen Zinsen an Geld – doch wie lange noch? Fragen an den Rating-Berater Oliver Everling.

-Mit dem Rating „AAA“ steht die Bundesrepublik im internationalen Vergleich immer noch glänzend da. Trotz Rezession und Rekordverschuldung bescheinigen Analysten dem deutschen Staat höchste Bonität, das Ausfallrisiko von Staatsanleihen ist fast null. Behält der Bund auch in der Krise seine Bestnote?

Die Bundesregierung wird gegenwärtig von allen Agenturen einheitlich mit der Bestnote „AAA“ eingestuft, doch es gibt eine Diskussion, wie lange dieses Rating noch zu halten ist. Davon ist natürlich nicht nur Deutschland betroffen, sondern eine ganze Reihe von Staaten, die im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise noch viel höhere Schuldenberge angehäuft haben. Die besten Chancen, ihr AAA-Rating zu behalten, haben vermutlich die USA. Sie sind zwar hoch verschuldet, üben aber politisch massiven Einfluss auf die weltgrößten Rating-Agenturen aus, die alle in Amerika ihren Sitz haben.

-Der Bund hat allein wegen der Bankenkrise Zahlungsgarantien in dreistelliger Milliardenhöhe übernommen, die alle Dimensionen sprengen. Wäre das nicht Anlass genug, die Bonität Deutschlands herunterzusetzen?

Durch die Politik der Bundesregierung gerät das gute Rating zweifellos unter Druck. Doch die Rating-Agenturen werden keine Herabstufung vornehmen, weil sie die Krise dadurch nur weiter verschärfen würden. Angenommen, die Bundesrepublik erhielte statt der Bestnote „AAA“ nur noch „AA“, hätte dies verheerende Folgen, weil ein Gläubiger nach dem anderen dem Staat das Vertrauen entziehen und seine Papiere verkaufen würde, um Verluste zu vermeiden. Das wäre eine Abwärtsspirale mit unabsehbaren Folgen: Für den Bund verteuert sich die Verschuldung, er muss noch mehr Kredite aufnehmen, seine Bonität sinkt weiter, die Kredite werden also noch teurer. Die Rating-Agenturen wissen um ihre hohe Verantwortung und prüfen jeden Schritt sehr genau. Grundsätzlich stecken sie in einem Dilemma: Wenn sich die Zahlungsfähigkeit eines Staates oder einer Bank verändert, dürfen die Analysten das weder zu früh, noch zu spät publik machen. Immerhin kann das Herabstufen eines Staates oder einer Bank ja die eigentliche Krise erst auslösen. Umgekehrt dürfen die Agenturen aber auch nicht zu spät handeln. Bei der Immobilienkrise 2008 in den USA hatten die Gläubiger längst die Flucht ergriffen, ehe die Ratings der Banken offiziell nach unten gesetzt wurden. Damals hat man den Rating-Agenturen vorgeworfen, bewusst zu spät reagiert zu haben. Die Agenturen hatten weiterhin gute Noten verteilt, weil sie den Schaden begrenzen wollten.

-Wird die Bedeutung der Ratings nicht überschätzt?

Ich behaupte das Gegenteil. Das Rating ist ein entscheidender Faktor: Je besser das Rating eines Unternehmens oder eines Staates, desto besser die Konditionen, zu denen er sich Kapital beschaffen kann. Schuldner mit einem schlechteren Rating müssen deutlich höhere Zinssätze zahlen. Als ich vor 20 Jahren meine Doktorarbeit schrieb, hatten noch alle deutschen Banken das höchste Rating AAA, also die denkbar beste Bonität. Auch die Bundesrepublik war damals über jeden Zweifel erhaben. Mit der Zeit begann es zu bröckeln, erst bei großen Industriekonzernen, dann bei den Banken. Der Reihe nach verloren selbst renommierte Unternehmen wie Siemens ihre erstklassige Bonität. Siemens war der erste Konzern, der seine Zahlungsfähigkeit 1975 von amerikanischen Rating-Experten hatte einschätzen lassen. Damals hatte man in der Branche noch darüber gelacht, dass ein Weltkonzern sich wie ein Schulbub Noten geben lässt. Heute wissen wir, dass nicht nur Industriekonzerne und Banken die Bedeutung ihrer Bonität unterschätzt haben, sondern auch viele Staaten. Seitdem Island und eine Anzahl osteuropäischer Staaten in Schwierigkeiten geraten sind, ist der Kapitalmarkt sensibilisiert. Da wird jetzt auch bei Staaten noch genauer auf das Rating geschaut. Das sind ja nicht irgendwelche Buchstaben. „AAA“ gilt als Gütesiegel: Bisher ist kein einziges Unternehmen direkt mit der Bestnote ausgefallen. Die Rating-Agenturen liegen also richtig.

Das Interview führte Holger Eichele.

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