Abwanderung kluger Köpfe schürt Sorge um Standort Deutschland

- München -­ Im weltweiten Kampf um die besten Köpfe verliert Deutschland zunehmend den Anschluss. Tausende hoch qualifizierte Arbeitnehmer gehen alljährlich ins Ausland, weil sie sich dort einen leichteren Start ins Berufsleben, bessere Karrierechancen oder höhere Einkommen versprechen, längst nicht jeder von ihnen kehrt später zurück. Umgekehrt zieht es nur wenige ausländische Spitzenkräfte nach Deutschland, weil die Zuzugshürden als hoch gelten.

Experten warnen vor den Folgen des zunehmenden Know-how-Schwunds: "Das kann unser Wachstum ganz klar behindern", sagt Martin Werding, Arbeitsmarktexperte beim Münchner Ifo Institut für Wirtschaftsforschung.

Gerade innovative Branchen, die Deutschlands Zukunft im schärfer werdenden Wettbewerb mit Niedriglohnländern sichern sollen, suchen schon jetzt teils händeringend nach gut ausgebildetem Personal. Erst kürzlich wies der Verein Deutscher Ingenieure auf 22000 offene Ingenieur-Stellen hin, die zurzeit nicht besetzt werden können. Vor allem Mittelständler wie das Elektronik-Unternehmen TQ-Systems mit Sitz im oberbayerischen Seefeld bekommen dies zunehmend zu spüren. "Wir suchen kontinuierlich Elektrotechnik-Ingenieure und würden gerne noch viel mehr einstellen, aber es gibt nicht genug Absolventen", sagt eine Sprecherin. Potenzielle Aufträge von Neukunden habe man deshalb auch schon einmal ablehnen müssen.

Vor allem im Maschinenbau, in der Elektrotechnik und der Pharmazie sowie bei unternehmensnahen Dienstleistungen klafft eine wachsende Fachkräfte-Lücke, sagt Oliver Heikaus, Referatsleiter Arbeitsmarkt und Zuwanderung beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag. "Im Zuge des demografischen Wandels wird sich das Problem noch verschärfen. Wenn Deutschland nicht ins Hintertreffen geraten will, müssen wir den Arbeitsmarkt noch stärker öffnen für qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland."

Solche Forderungen stoßen jedoch teils auf wenig Gegenliebe. Vertreter von Gewerkschaften und aus der Politik machen vor allem die Unternehmen für die Probleme verantwortlich.

Auf die trüberen Konjunkturaussichten früherer Jahre hätten viele Firmen mit Einstellungsstopps und dem Einsatz unbezahlter Praktikanten reagiert. Da sei es kein Wunder, dass sich der hoch qualifizierte Nachwuchs eher in Länder wie die USA oder die Schweiz orientiert, wo eine gute Ausbildung auch entsprechend honoriert werde. Vor allem müsse es jetzt darum gehen, die derzeit rund vier Millionen Arbeitslosen ins Erwerbsleben einzubinden. Doch DIHK-Experte Heikaus gibt zu bedenken: "Viele Langzeit-Arbeitslose haben keine abgeschlossene Berufsausbildung und können die größer werdende Fachkräfte-Lücke zumindest kurzfristig kaum schließen."

Aber auch Hochschulen kritisieren eine unstete Personalpolitik vieler Unternehmen. "Wir können an den Universitäten keine Just-in-time-Produktion von Absolventen leisten", sagt Bernd Huber, Rektor der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Die LMU als eine der drei ersten Elite-Unis in Deutschland will unter anderem mit strafferen Berufungsverfahren und speziellen Programmen für Nachwuchswissenschaftler dem Spitzenkräfte-Schwund entgegensteuern.

Doch dabei gilt es, schnell zu handeln. Schon jetzt zeichne sich ab, dass nach der Phase der Produktionsverlagerungen auch höher qualifizierte Tätigkeiten wie Forschung und Entwicklung ins Ausland gegeben werden, sagt Sörge Drosten von der Unternehmensberatung Kienbaum. Und Ifo-Experte Werding mahnt vor allem angesichts des demografischen Wandels zu raschem Handeln: Da der Fachkräfte-Bedarf künftig noch wachsen werde, müsse sich Deutschland bald attraktiver machen für qualifizierte Bewerber aus dem Ausland

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