Abwehrstrategie gesucht

- Berlin - Eigentlich musste Schering damit rechnen. Seit Jahren wird der Pharmakonzern immer wieder als Übernahmekandidat gehandelt. Zum jetzigen Zeitpunkt kam das Angebot des Darmstädter Konkurrenten Merck doch überraschend. Denn nach den jüngsten Äußerungen der Konzernspitze sah es so aus, als wolle Schering selbst aus eigener Forschungskraft und mit Zukäufen an Stärke gewinnen.

Gelassen sprach Finanzvorstand Jörg Spiekerkötter bei Vorlage der Bilanz 2005 aus, trotz eines großen Aktienrückkaufprogramms sei noch genug Geld da, rund 1,2 Milliarden Euro liquider Mittel. Die Banken stünden Schlange, um Übernahmen mitzufinanzieren. Nun plötzlich sind Spiekerkötter und Vorstandschef Hubertus Erlen gezwungen, eine Abwehrstrategie zu entwickeln. Zunächst ließen sie nicht durchblicken, wie sie konkret aussieht. In Verhandlungen mit Merck treten wollen sie definitiv nicht.

Ein Argument Erlens teilt zumindest die Börse. Mercks gebotene 77 Euro pro Aktie seien eine "erhebliche Unterbewertung", sagte er. Der Kurs schoss am Montag von knapp 67 auf mehr als 84 Euro. Bei diesem Niveau hält es die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger durchaus für überlegenswert, die "Gunst der Stunde zu nutzen" und die Aktie zu verkaufen.

Schering hat für seine künftige Produktpalette einige Eisen im Feuer, ungewiss ist aber, welche davon erfolgreich sein werden. Bei der Entwicklung des Krebsmedikaments PTK/ZK musste das Unternehmen im vergangenen Jahr Rückschläge hinnehmen. Bis Ende dieses Jahres werden Ergebnisse weiterer Studien erwartet, dann erst lassen sich die Marktchancen besser einschätzen. Einige Hoffnung setzt Schering in das Präparat Spheramine zur Therapie der Parkinson-Krankheit, von einer Zulassung ist man aber noch weit entfernt.

Vorstandschef Erlen (62) kann aber darauf verweisen, dass seine Strategie seit Amtsantritt 2001 aufgegangen ist. Schering ist Weltmarktführer bei Verhütungsmitteln und hat als Verkaufsschlager das Multiple-Sklerose-Medikament Betaferon, das bald eine Milliarde Euro Umsatz erreichen könnte.

Nur 2003 gab es einen kleinen Knick, sonst eilte Schering bei Umsatz und Gewinn von Rekord zu Rekord und verbesserte auch seine Marge stetig. Auf der Kostenseite machte sich das 2004 begonnenen Effizienzprogramm "Focus" positiv bemerkbar, das jedoch auch Arbeitsplätze kostete. Konzernweit soll die Mitarbeiterzahl jetzt stabil bleiben.

Schering sähe sich bei einer geplanten Übernahme durch Merck um den Lohn seiner selbst erwirtschafteten Früchte gebracht. Erlen nannte Mercks Offerte unerwünscht und bekräftigte, Schering habe "gute Zukunftsaussichten als unabhängiger Pharmaspezialist". Diese Stellung würde Schering als Teil eines größeren Konzerns mit einem starken Zweig in der Chemieproduktion verlieren.

Andererseits gäbe es bei den Pharmaprodukten beider Unternehmen kaum Überschneidungen. Merck hat außer der Krebstherapie HerzKreislauf-Mittel, Nachahmermedikamente sowie Vitamin- und Erkältungspräparate in seinem Angebot.

Dies bedeutet nach Experteneinschätzung kaum Synergieeffekte, also auch nur geringe Gefahren für die Beschäftigten, abgesehen von der Verwaltung. Der Berliner Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit ist dennoch "besorgt". Die Hauptstadt verlöre bei einer Fusion ihr einziges im DAX-Index notiertes Unternehmen.

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