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Josef Ackermann

Ackermann sieht eine neue Finanzkrise

München - Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann warnt vor einer neuen Bankenkrise – und er ist nicht der Einzige. Doch warum stehen die Banken schon wieder am Abgrund und wie schlimm kann es kommen? Ein Gespräch mit Prof. Martin Faust von der Frankfurt School of Finance and Management.

Herr Prof. Faust, es wird derzeit oft vor einer drohenden neuen Bankenkrise gewarnt. Warum?

Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen die Gefahr, dass auf die Banken Belastungen durch den Ausfall von Staatsanleihen zukommen können. Dann müssten die Banken große Beträge abschreiben und das führt dazu, dass sie dann weniger Eigenkapital hätten. Banken müssen aber ein bestimmtes Mindesteigenkapital vorweisen. Der zweite Grund ist, dass es wieder eine Liquiditätskrise geben könnte. Das heißt, dass die Banken sich gegenseitig kein Geld mehr leihen. Im Augenblick sind die Banken in dieser Hinsicht schon sehr zurückhaltend.

Diese Vorsicht ist vermutlich ein Resultat der Sorge wegen der Anleihen von Schuldenstaaten.

Ja, Banken überlegen sich wie bei Privatkunden sehr genau, welchen Banken sie Geld leihen. Wenn die Einschätzung der Bonität einer anderen Bank kritisch ist, dann bekommt die kein Geld mehr. Diese Liquiditätskrise halte ich aber für nicht dramatisch. Denn wir haben schon nach der Insolvenz von Lehman Brothers gesehen, dass die Notenbanken eingesprungen sind und Geld zur Verfügung gestellt haben. Die Notenbanken haben mitgeteilt, dass sie das auch weiterhin tun werden.

Also ist eigentlich nur die Gefahr, dass Staatsanleihen ausfallen könnten, ein Risiko für die Banken?

Wenn wir noch einen Schritt weitergehen, könnte die Schuldenkrise dazu führen, dass die Wirtschaft schlecht läuft und wir eine Rezession bekommen. Dann gäbe es für die Banken auch das Risiko, dass klassische Kredite häufiger ausfallen.

Lässt sich die jetzige Situation mit der vor der Finanzkrise 2008 vergleichen?

Das Ergebnis könnte vergleichbar sein, es könnte zu einer Liquiditätskrise kommen und die Banken könnten zu wenig Eigenkapital haben. Aber die Auslöser sind völlig verschieden. Bei der Lehman-Pleite war es das Geschäft der Banken, die Papiere in ihren Portfolios, das die Krise ausgelöst hat. Das ist heute anders. Die Banken haben die Zeit genutzt, um ihre Portfolios zu bereinigen. Sie sind heute im Kern stabiler aufgestellt. Sie sind noch immer geschwächt, aber sie haben eine bessere Kapitalausstattung als vor der Lehman-Insolvenz.

Werden die Banken trotzdem wieder Hilfe vom Staat brauchen?

Die Staaten helfen den Banken bereits, indem sie andere Staaten unterstützen. Kein Staat der Welt wird sein Bankensystem gegen die Wand fahren lassen. Sollte es also trotzdem wieder zu Eigenkapitalproblemen kommen, würde der Staat helfen. Dafür müsste aber nicht nur Griechenland, sondern auch Italien oder Spanien in Zahlungsschwierigkeiten kommen. Wenn es so weit käme, wären aber nicht nur Banken, sondern auch Versicherungen, Pensionsfonds und Privatpersonen betroffen. Das wäre eine völlig andere Dimension.

Wie wahrscheinlich ist eine solche Krise?

Die Staaten haben ein Interesse daran, das zu verhindern. Insofern halte ich die Wahrscheinlichkeit, dass es erneut zu einer großen Bankenkrise kommt, für gering.

Für Steuerzahler kann es trotzdem teuer werden.

Ja, aber wohl eher durch die Staatenrettung, nicht durch eine direkte Bankenrettung.

Trotzdem brechen die Bankenaktien an der Börse ein. Warum?

An den Börsen werden die Gewinnerwartungen der Zukunft gehandelt. Die Banken stehen momentan enorm unter Druck. Mit Basel III werden die Regeln für Banken verschärft und die Eigenkapitalanforderungen steigen. Das heißt, die Gewinne der Banken werden sinken und das spiegelt sich in den fallenden Kursen wider. Die Banken haben lange Zeit von einer geringen Regulierung sehr gut gelebt, das könnte bald vorbei sein. Hinter den fallenden Kursen steckt eher nicht die Sorge um die Staatsschulden.

Die Deutsche Bank verliert massiv, weil sie von US-Behörden auf 14 Milliarden Dollar verklagt wird. Wie wird das ausgehen?

Die Staaten haben natürlich ein Interesse daran, sich das Geld, das sie in der letzten Krise ausgegeben haben, zurückzuholen. Die Banken hatten ihren Anteil an der Entstehung dieser Krise, insofern trifft man nicht die Falschen. Nur werden die Banken vom Staat erpresst. Denn selbst wenn die Bank sagt, für die Forderungen gebe es keine Grundlage und sogar Recht bekäme, könnte sie es nicht auf einen Prozess ankommen lassen. Denn der würde sich über Jahre hinziehen und eine enorme Unsicherheit bedeuten. Deshalb spekulieren die Kläger wie in früheren Verfahren darauf, dass es zu Vergleichen kommt. Doch dieses Spiel des amerikanischen Staates ist sehr, sehr gefährlich, denn man erwischt die Banken gerade in einer neuen sehr kritischen Phase. So gefährdet man das eigentliche Ziel, stabilere Banken mit mehr Eigenkapital zu haben. Das gefährdet die Stabilität des Bankensystems und verunsichert die Kapitalmärkte. Am Ende sitzt der Staat aber am längeren Hebel und ich gehe davon aus, dass am Ende auch dieses Verfahren auf einen Vergleich hinausläuft.

Interview: Philipp Vetter

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