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Hauptversammlung

ADAC trennt Pannenhilfe und Kommerz

München - Der ADAC hat die angekündigten Reformschritte beschlossen und seinen bisher kommissarischen Präsidenten August Markl offiziell in dieses Amt gewählt. Doch klar bleibt: Das alles war erst der Anfang.

Als Werner Kaessmann, Generalsyndikus des ADAC, die Stimme erhob, um das Wahlergebnis zu verkünden, erstarb das Gemurmel auf der Empore im Münchner Hauptquartier des Auto-Clubs. Es wurde ganz still. „180 von 218 Stimmen. Das ist deutlich mehr als die einfache Mehrheit“, sagte der Jurist. Die Delegierten standen auf und applaudierten dem neuen ADAC-Präsidenten August Markl. Doch vor allem den Mitarbeitern des Automobilclubs war anzusehen, wie ihnen eine unsichtbare Last von den Schultern rutschte.

Seit dem 14. Januar 2014, als erstmals über Manipulationen bei der Wahl zum Automobilpreis „Gelber Engel“ berichtet wurde, waren sie es, die den Kopf hin halten mussten – als Blitzableiter für die Wut enttäuschter Mitglieder. Nun, so hoffen sie, wird neu gestartet. Einstimmig hatten die Delegierten vorher das Reformprogramm des ADAC nach dessen ausführlicher Vorstellung verabschiedet. Und einzig Ehrenpräsident Otto Flimm (85) versuchte die Vergangenheit des ADAC zu rechtfertigen.

„Das Hauptamt“, so sagte er, habe den ADAC auf Umsatz und Profitabilität getrimmt und zog damit den Zorn vieler im Saal auf sich. Denn er war, als die entscheidenden Weichen gestellt wurden, Präsident des Clubs – und den hauptamtlichen Mitarbeitern gegenüber weisungsberechtigt, musste Flimm sich belehren lassen. Flimm beschrieb ungewollt das verhängnisvolle Führungsvakuum, das den ADAC an den Rand des Abgrunds brachte: Es war nicht mehr klar auszumachen, was Verein war und was Konzern, und wer eigentlich welche Verantwortung trug.

Und es entstanden die Strukturen, in denen Michael Ramstetter, der gut verdrahtete damalige Kommunikati-onschef des ADAC, in einsamen Entscheidungen die Wahlen zum Autopreis „Gelber Engel“ unbemerkt von Vorgesetzten und Mitarbeitern im stillen Kämmerlein jahrelang fälschte. Ramstetter ist weg. Er hat sich inzwischen über Schadensersatz mit dem Club geeinigt. Über Details wurde Stillschweigen vereinbart. Sein Chef, der frühere Geschäftsführer Karl Obermair, ist auch weg. Ebenso der langjährige ehrenamtliche Präsident Peter Meyer. Und in der Folge gingen auch einige der hauptamtlichen Abteilungsfürsten des Clubs, die einem Neuanfang im Weg standen.

Der Neuanfang besteht vor allem aus klaren Trennlinien. Da ist zunächst einmal der Verein ADAC, der – wie bisher auch – keine Gemeinnützigkeit geltend macht. Er beschränkt sich auf exklusive Leistungen für Mitglieder zum Beispiel die Pannenhilfe. Dann gibt es eine gemeinnützige Stiftung, in der die Leistungen für die Allgemeinheit gebündelt werden, etwa Forschung und Luftrettung. Verein (mit 74,9 Prozent) und Stiftung (mit 25,1 Prozent) halten eine ADAC-Aktiengesellschaft, in der sämtliche kommerziellen Aktivitäten, etwa Versicherungsleistungen, angesiedelt werden. Weder im Stiftungsrat der Stiftung noch im Aufsichtsrat der AG hat der Verein ADAC die Mehrheit. Diese Brandmauer ist unter anderem notwendig, um den Status als steuerbegünstigter Idealverein zu erhalten.

Und dennoch gelten in allen drei Bereichen die gleichen neuen Regeln. Wenn der ADAC als Verbraucherschutzorganisation Reifen oder Kindersitze testet, darf der Konzern ADAC solche Produkte nicht mehr verkaufen. Wenn der ADAC als Verein Schneeketten verleiht, dürfen die ADAC-Techniker in Landsberg eben keine Schneeketten mehr testen.

Schon in den vergangenen Monaten wurden hunderte Aktivitäten überprüft und so manches einfach eingestellt. So gibt es nun keine Treuemitgliedschaft und keine Passivmitgliedschaft – jeweils mit Beitragsrabatt – mehr. Damit versuchte der ADAC in der Vergangenheit, ausstiegswillige Mitglieder zu halten.

Auch bei seiner Lobby-Arbeit hat der Club umgedacht. Etwa im Umgang mit der Pkw-Maut. Da wurden Mitglieder früher mit einer klaren Erwartung ans Ergebnis gefragt, ob sie für die Straßenbenutzung zahlen wollten. Eine deutliche Mehrheit war dagegen – da konnte auch der ADAC dagegen sein. Hier wird inzwischen differenziert gefragt. Etwa nach einer reinen Ausländermaut (52 Prozent dafür). Oder nach einer Maut, bei der alle belastet würden (75 Prozent dagegen). Gar nicht gefragt wurden die Mitglieder, ob eine Ausländermaut EU-konform ist. Bei dieser Frage hält sich der Club weiter an seine Experten – und die sagen nein. Maut-Fans werden nun enttäuscht sein. Der ADAC bleibt unter dem Strich Maut-Gegner.

All diese Änderungen fanden den Segen des die Reformen begleitenden Beirats. Dieser besteht aus Jürgen Heraeus, dem Vorsitzenden von Unicef Deutschland, Edda Müller, der Vorsitzenden von Transparency International Deutschland, dem ehemaligen Bundesverfassungsrichter Hans-Jürgen Papier und Rupert Graf Strachwitz, dem Direktor des Meacenata Instituts für Philanthropie und Zivilgesellschaft.

Doch nicht in allen Fragen konnten sich die Beiräte durchsetzen. So hätte Heraeus es wünschenswert gefunden, wenn ehrenamtliche Funktionäre gleichzeitig als Vertragsanwälte des ADAC fungieren. Das tun zehn der 600 Vertragsanwälte. Und die hatten diese berufliche Funktion bereits, bevor sie ihre Ehrenämter antraten. Dafür sollen sie nicht einen Teil ihrer beruflichen Existenz aufgeben müssen, fand der ADAC. Diesem Argument beugte sich am Ende auch Heraeus. Wir können damit leben, sagt er nun.

Der Beirat wird dem ADAC auch in den kommenden Monaten erhalten bleiben, zumindest bis zur nächsten Hauptversammlung im Mai, wahrscheinlich aber noch länger. Das durchkreuzt die Visionen von Heraeus, der sich noch ganz andere Aufgaben in Sachen Transparenz vorstellen kann. Zum Beispiel bei der Fifa.

Der ADAC hat sich mit seinen angekündigten Reformschritten Aufschub bei der Entscheidung über seinen Status als eingetragener Verein verschafft. „Man muss die neue Lage in den Entscheidungsprozess einbeziehen“, sagte die Sprecherin des Amtsgerichts, Monika Andreß, am Montag. Bei dem Gericht ist eine Prüfung des ADAC-Vereinsstatus anhängig. Das Amtsgericht werde den Autoclub zunächst auffordern zu erläutern, welche Veränderungen und welche konkreten Schritte geplant seien. „Auf dieser Grundlage wird dann über das weitere Vorgehen entschieden werden“, heißt es in der Mitteilung des Gerichts.

Der erwartete Massenaustritt aus dem ADAC durch die Skandale ist ausgeblieben. Der Club hatte am 30. November 18,94 Millionen Mitglieder – 646 mehr als am 31. Dezember 2013. Doch in den vergangenen Jahren hatte der Club durchschnittliche Zuwächse von rund 500 000 Mitgliedern. Dennoch will die neue Führung bei der Neuausrichtung des ADAC weitermachen. „Wir haben die ersten Kilometer eines Marathons hinter uns“, sagte August Markl nach seiner Wahl, „und unsere Kondition stimmt.“

Martin Prem, dpa

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