AEG-Streik: "Die Herzen sind warm"

- Nürnberg - Eine Stunde am Tor stehen. Eine Stunde im Zelt aufwärmen. Dann eine Stunde am nächsten Tor. Wieder aufwärmen dann eine Stunde auf Patrouille rund um das Werksgelände. Mit diesem Rhythmus versuchen die Streikenden bei AEG in Nürnberg, die eisigen Nächte zu überstehen. Minus 14 Grad wurden in der Nacht zum Montag gemessen, aber die rund 50 Männer haben sich davon nicht abschrecken lassen und die Werkstore rund um die Uhr bewacht.

Dick eingemummelt drängen sie sich um das Feuer, das in einem alten Ölfass lodert. "Die Füße sind kalt, aber die Herzen sind warm", fasst der türkische Arbeiter Ahmet Kaya die Stimmung seiner Kollegen zusammen. Wärmen sollen auch die Solidaritätsbekundungen, die die Streikenden von vielen Seiten erhalten.

Siemens-Beschäftigte bringen Brennholz vorbei, denn die ersten Vorräte gehen schon zur Neige. An der "Wand der Solidarität" im Streikzelt übermitteln Kollegen aus anderen Betrieben ihre Solidarität: "Deutsche Bahn-Kollegen grüßen Euch - Wir sind auf Eurer Seite", heißt es dort. Besonders freut sich Streikführer Jürgen Wechsler von der IG Metall über eine Grußbotschaft von Hans-Jochen Vogel. Der frühere SPD-Chef erinnert an den alten Spruch: "Wer kämpft, kann verlieren - wer nicht kämpft, hat schon verloren."

Und kämpfen wollen sie, am liebsten um den Erhalt der 1700 Arbeitsplätze im Hausgerätewerk, das der Electrolux-Konzern Ende 2007 schließen will, um Waschmaschinen und Geschirrspüler dann billiger in Italien und Polen zu produzieren. Mindestens aber soll das Unternehmen in einem Sozialtarifvertrag zu weit reichenden finanziellen Zusagen gezwungen werden, um den Jobverlust abzumildern.

Der bayerische DGB-Chef Fritz Schösser, der am Montag solidarisch auf Streikposten stand, wirft Electrolux Gewinngier vor: "Es geht nur noch darum, die Kassen zu füllen."

Stoibers Vermittlung ist unerwünscht

Auch Bayerns Regierungschef Edmund Stoiber (CSU), der in dem Konflikt vermitteln will, wird abgewatscht. "Der Ministerpräsident kommt ein wenig spät", sagt Schösser süffisant. "Es wäre besser gewesen, er hätte sich schon vor Monaten vermittelnd eingebracht" um den Schließungsbeschluss zu verhindern. Dennoch will der DGB-Chef die Türe nicht zuschlagen. Auch wenn Stoibers Vermittlung derzeit unerwünscht ist - "es kann der Zeitpunkt kommen, wo das notwendig sein wird."

Zunächst aber wartet die IG Metall auf ein Angebot von Electrolux. Streikführer Wechsler hat allerdings bisher keine Signale dafür und sagt, er rechne vorläufig auch nicht damit.

Am Montagmorgen kontrollieren Wechsler und Betriebsratschef Harald Dix persönlich die Ausweise der Beschäftigten, die in Bereichen wie Logistik, Kundendienst und Vertrieb arbeiten. Nur diese rund 600 Kolleginnen und Kollegen werden durchgelassen. Sie sind nicht zum Streik aufgerufen, da Electrolux sie in eigene GmbHs ausgegliedert hat. Viele wünschen den Streikenden Glück.

"Es ist ein blödes Gefühl", sagt eine Frau, "wir sind solidarisch, aber wir dürfen nicht streiken."

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