AEG-Streikende wollen nicht aufgeben

- Nürnberg - Vor dem Nürnberger AEG-Werk herrscht geschäftiges Treiben. Wie jeden Tag, bilden sich auch an diesem Mittwoch lange Schlangen vor der Streikgeld-Registratur im beheizten Streikzelt. Sportinteressierte verfolgen die olympischen Wettkämpfe auf einer Großleinwand. Daneben haben sich mehrere Gruppen zur gemütlichen Kartenrunde niedergelassen. IG-Metall-Delegationen aus Hessen, Rheinland-Pfalz, Thüringen und Sachsen wärmen sich drinnen mit Kaffee auf, während draußen Helfer eine Palette Kaffeepulver in einen Lagercontainer stapeln: Alltag im Streikdorf.

Und doch ist etwas anders am 34. Tag seit Beginn des Arbeitskampfes. Am Vortag waren die Verhandlungen über einen Sozialtarifvertrag für die rund 1700 Beschäftigten des von der Schließung bedrohten Werkes ergebnislos abgebrochen worden. Die zarte Hoffnung der Streikenden, dass Electrolux dem Druck des andauernden Produktionsstillstandes nicht mehr gewachsen ist und langsam einlenkt, ist dahin.

"Ich bin schon ein bisschen niedergeschlagen", sagt Peter Schöpp. Anstatt zu streiken, würde er lieber arbeiten. Denn seit dem Beginn des Streiks am 20. Januar muss der Instandhaltungs-Arbeiter seine Familie mit monatlich rund 200 Euro weniger über die Runden bringen. Wie lange er den Gürtel noch enger schnallen muss, lässt sich nicht absehen. Dennoch sieht er "keine Alternative" zum Arbeitskampf.

"Wir sind bereit, bis zum Ende zu kämpfen, und geben nicht auf, egal was passiert", sagt auch Halil Yöndem, der in der AEG-Stanzerei arbeitet. "Wir wissen, worum es geht, und wir haben die Hoffnung, dass sich der Kampf lohnt." Allein bis zur Wiederaufnahme der Verhandlungen "werden mindestens zwei Wochen vergehen", sagt AEG-Betriebsratschef Harald Dix. "Wie auf einem afrikanischen Basar haben wir gestern um Abfindungen gefeilscht", ruft er den Teilnehmern einer Kundgebung von der Bühne herab zu. Electrolux-Verhandlungsführer Horst Winkler habe das bisherige Angebot von 100 Millionen Euro aber nur "um wenige Millionen" erhöht.

"105 Millionen Euro für 1700 Menschen, die ihre Existenzgrundlage verlieren", kritisiert Dix. Das sei lächerlich im Vergleich zu der Ausschüttung, die die schwedische Industriellenfamilie Wallenberg als Hauptaktionär kürzlich vom Electrolux-Konzern überwiesen bekommen habe: "235 Millionen Euro allein für die beiden Brüder Wallenberg", empört sich der Betriebsratschef. Deshalb müsse der "politische Kampf" um den Erhalt des Werkes weitergehen. "Wir machen so lange weiter, bis Electrolux wegen der Produktionsausfälle in die Knie geht", ruft er den Streikenden zu.

Damit trifft Dix den Nerv der Anwesenden. "Lieber zehn Jahre streiken als zehn Jahre arbeitslos", sagt Instandhaltungs-Meister Peter Pöll. Auf dem Arbeitsmarkt habe er mit 49 Jahren kaum noch Chancen. Weil seine Frau berufstätig ist, stehe ihm nach einem Jahr Arbeitslosengeld nicht einmal die Grundsicherung nach Hartz IV zu. "Ich habe nichts zu verlieren", betont Pöll. Und fügt hinzu: "Im Sommer feiern wir hier am Tor 4 eine Beach Party." Streikalltag eben.

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