Agfa: Das Ende als Chance

- Leverkusen/München - Für viele Beschäftigte der insolventen Agfa-Photo war es ein letzter Lichtblick: die rettenden Arme der britischen Gruppe Photo-Me. Kurioserweise liegt die Sache in Bayern anders: Die Standorte München und Peiting hätten von den Briten nichts Gutes zu erwarten gehabt. Deren Angebot ist jetzt vom Tisch, und damit gibt es für sie wieder Hoffnung.

Die Bedingungen, die der Fotoautomatenhersteller mit seiner Kaufofferte verknüpfte, sorgten unter den Gläubigern, die darüber zu entscheiden hatten, für helle Empörung. Der Vertragsentwurf habe zu viele Unzumutbarkeiten enthalten, sagte der Insolvenzverwalter nach der entscheidenden Sitzung des Gläubigerausschusses. Unternehmenssprecher Thomas Schulz formulierte es drastischer: "In letzter Konsequenz wäre die Offerte auf einen negativen Kaufpreis hinausgelaufen." Auch von der angekündigten Übernahmegarantie für zahlreiche Beschäftigte war in der schriftlichen Offerte auch nicht mehr die Rede.

Rund 400 der 1100 Beschäftigten konnten bis zum Dienstagabend auf Rettung hoffen. Jetzt blicken sie in eine ungewisse Zukunft. "Sie können sich vorstellen, welche Stimmung jetzt bei uns in der Belegschaft herrscht", sagt eine Mitarbeiterin frustriert. Bei den Beschäftigten an den Standorten in Leverkusen, Köln, Windhagen und Vaihingen herrscht Fassungslosigkeit, Wut und Verzweiflung. "Die Kollegen sind tief enttäuscht und deprimiert", sagt der stellvertretende Betriebsratschef Siegfried Lingenover. Denn ein Großteil des in diesen vier Werken produzierten Fotozubehörs wollte Photo-Me auch in Zukunft herstellen. Diese Hoffnung ist nun geplatzt.

Anders sieht es in Bayern aus. Auch hier müssen alle 240 Beschäftigten zum 1. November in die Qualifizierungsgesellschaft wechseln. Von dieser erhalten sie für ein Jahr 90 Prozent des Gehalts. Doch die Standorte München und Peiting hätten mit ihrer Produktion von Großgeräten in den Plänen von Photo-Me keinen Platz mehr gehabt. Für sie gibt es bei allen düsteren Perspektiven nun Lichtblicke: "Es wird Gespräche mit Interessenten geben, die für Teilbereiche bieten", sagt Schulz.

Heute will der japanische Fuji-Konzern ein Angebot für die Großlaborgeräte-Produktion unterbreiten. Darin besteht die neu aufkeimende Hoffnung der Bayern. Denn im Freistaat werden genau diese Geräte gebaut. Damit könnten am Ende doch noch Arbeitsplätze gerettet werden. Allerdings ist bei Fuji nur von 60 Jobs die Rede. Das wäre im besten Fall jeder Vierte. Die Traditionsmarke Agfa würde aber auch im Freistaat verschwinden.

Damit schließt ein Unternehmen, das einmal Pionier der Branche war und die Fotowelt zum Beispiel mit den ersten Farbfilmen revolutionierte (siehe Kasten). Ähnlich wie Kodak, Fuji & Co. machte dem Unternehmen die in den 80-er Jahren einsetzende Digitalisierung zu schaffen. Viel zu spät reagierten die Hersteller auf die Umbrüche, die sich mit dem Ersatz analoger Fotoapparate durch Digitalkameras vollzogen. Die Umsätze brachen ein. 2004 waren von 8,4 Millionen verkauften Kameras bereits 7 Millionen digitale Geräte. Weltmarktführer Kodak kündigte bis Ende 2006 einen massiven Stellenabbau in einer Größenordnung von bis zu 15 000 Arbeitsplätzen an.

Bei Agfa-Photo sind die Konsequenzen radikaler. "Ein traditionsreiches Unternehmen verschwindet", sagt der Münchner Betriebsrat Ibo Harraz.

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