+
Der Münchner Merkur hat anlässlich des Tages der Ausbildung mit Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner gesprochen.

Großes Merkur-Interview

Aigner: "Eine Lehre war der richtige Weg für mich"

  • schließen

München - Der Münchner Merkur hat anlässlich des Tages der Ausbildung mit Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner gesprochen. Sie hat in ihrer Jugend selbst eine Ausbildung zur Radio- und Fernsehtechnikerin gemacht.

Immer weniger junge Menschen in Bayern entscheiden sich für eine Lehre. Viele Betriebe können deshalb ihre Ausbildungsplätze nicht mehr besetzen. Warum steckt die Berufsausbildung in der Krise? Was muss sich ändern? Wir haben heute anlässlich des Tages der Ausbildung mit Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner gesprochen. Sie hat in ihrer Jugend selbst eine Ausbildung zur Radio- und Fernsehtechnikerin gemacht. Danach eine Fortbildung zur staatlich geprüften Elektrotechnikerin. Bis sie in die Politik wechselte, entwickelte die heutige Ministerin Systemelektrik für Hubschrauber bei Eurocopter.

Sie haben sich in ihrer Jugend für eine Berufsausbildung entschieden – nicht für ein Hochschulstudium. Würden Sie das heute genauso machen?

Ja. Für mich war eine Erstausbildung und eine berufliche Weiterqualifikation im Anschluss der richtige Weg. Es gibt durchaus Karriere mit Lehre.

Wie haben Ihre Eltern reagiert, als sie vom Gymnasium auf die Realschule wechseln wollten?

Meine Eltern haben mir da große Entscheidungsfreiheit gelassen. Das lag auch daran, dass wir einen mittelständischen Betrieb hatten – einen Elektrohandwerksbetrieb mit 20 Mitarbeitern. Für eine mögliche Übernahme des Familienunternehmens war meine Entscheidung damals sinnvoll. Ich habe mich aber auch dafür entschieden, weil mir das Gymnasium zu theoretisch war. Ich denke, es gibt viele junge Menschen, die eine praktische Ader haben. Für sie ist eine Berufsausbildung ein guter Weg, der später auch in die Selbstständigkeit führen kann.

War das Ansehen der Berufsausbildung damals höher als heute?

Die Berufsausbildung war die Norm. Heute hört man oft, wenn man mit Eltern spricht: Die Berufsausbildung ist wichtig, nur nicht für meine Kinder. Es fehlt oft die Kenntnis darüber, welche Möglichkeiten eine berufliche Qualifikation bietet. Allein wenn man das Studium betrachtet: Mittlerweile kommen mehr als 40 Prozent der Studenten nicht über das klassische Abitur, sondern über andere Wege. Diese Möglichkeiten sind eine Stärke, die wir in Bayern und Deutschland haben, aber leider zu gering schätzen.

Würden Sie einem Abiturienten zu einer dualen Ausbildung statt einem Studium raten?

Ja. Aber das hängt natürlich an der Person und ihren Fähigkeiten. Wer in die Forschung gehen will, sollte natürlich studieren. Wenn man aber eine praktische Ader hat, eventuell auch kaufmännisch gut drauf ist und sich selbst verwirklichen will, für den ist eine Berufsausbildung und später die Selbstständigkeit ein hervorragender Weg.

Was raten Sie Jugendlichen, die sich unsicher sind, welchen Weg sie gehen sollen?

Man kann sich auf Ausbildungsmessen informieren. Ich rate auch allen, Praktika während der Schulzeit zu machen, um in verschiedene Berufe reinzuschnuppern. Das ist nicht nur auf der Mittel- und Hauptschule wichtig, sondern gerade auf dem Gymnasium, weil dort der Blick nicht automatisch Richtung Berufsausbildung geht.

Die Möglichkeiten, die sich jungen Menschen mit einer abgeschlossen Ausbildung bieten, haben sich verbessert: Mit Meisterbrief kann man mittlerweile sogar studieren. Hat sich auch die Qualität der Ausbildung verbessert?

Wir haben eine sehr hohes Qualifikationsniveau in der beruflichen Ausbildung. Ich habe eher Bedenken, dass die beruflichen Möglichkeiten zu sehr aufgesplittert sind. Die Folge ist, dass die Ausbildung schmaler aufgestellt und nicht so sehr in der Breite einsetzbar ist. Außerdem führen die vielen verschiedenen Ausbildungsberufe dazu, dass oft weite Wege zum Beispiel zur Berufsschule in Kauf genommen werden müssen. Das ist ein Problem.

Heißt das, es sollte künftig weniger Ausbildungsberufe geben?

Ja. Es werden immer wieder Ausbildungsberufe zusammengefasst. Das ist ein ständiger Prozess, der sinnvoll ist.

Sie fordern eine höhere Wertschätzung der beruflichen Ausbildung. Gut gemeinte Apelle an ein Umdenken werden da nicht reichen. Was soll konkret passieren?

In vielen Betrieben gibt es Möglichkeiten, sich zu entwickeln – von der Ausbildung bis zur Vorstandsebene. Solche positiven Beispiele müssen die Unternehmen zeigen. Ein Beispiel: Mir hat einmal ein Unternehmer davon erzähle, wie er vor einer Schulklasse für die Ausbildung im Mittelstand geworben hat: „Schaut einfach mal auf den Parkplatz, welches Auto ich fahre und welches Auto eure Lehrer fahren“, hat er zu den Schülern gesagt. Ohne den Lehrern zu nahe treten zu wollen – aber das machte Eindruck.

Ausbildung oder Studium? Dabei spielen auch die Eltern eine große Rolle. Will man Jugendliche von einer Ausbildung überzeugen, muss man die Eltern überzeugen. Wie wollen Sie das anstellen?

Es ist wichtig, den Eltern klarzumachen, dass gewisse Dinge heute nicht mehr der Realität entsprechen: Die Schul- und danach die Berufsentscheidung ist heute keine endgültige Entscheidung mehr für den Lebensweg. Man kann die Hauptschule besuchen und irgendwann promovieren. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Es gibt keinen Abschluss ohne Anschluss mehr – und schon gar keine Sackgasse.

Interview: Manuela Dollinger

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Dax steigt wieder bis knapp 11 600 Punkte
Frankfurt/Main (dpa) - Die Anleger am deutschen Aktienmarkt haben sich am Mittwoch wieder etwas vorgewagt. Der Dax nahm erneut Tuchfühlung zur Marke von 11.600 Punkten …
Dax steigt wieder bis knapp 11 600 Punkte
Schnell und billig: Das sind die Tricks der Lebensmittelindustrie
München - Haben Sie sich schon mal gefragt, warum die Kartoffeln in der Kantine so perfekt gelb sind? Branchen-Insider Sebastian Lege erklärt das in einer neuen …
Schnell und billig: Das sind die Tricks der Lebensmittelindustrie
Goldman Sachs profitiert von Börsen-Boom nach Trump-Wahl
Gewinnsprung bei Goldman Sachs - die Trump-Rally an den Finanzmärkten füllt der führenden US-Investmentbank zum Jahresende noch einmal kräftig die Kassen. Andere …
Goldman Sachs profitiert von Börsen-Boom nach Trump-Wahl
Rückschlag bei Mifa-Rettung
Neue schlechte Nachrichten bei Mifa: Die Zahlungsschwierigkeiten sind so gravierend, dass der Fahrradhersteller seine Lieferverträge nicht einhalten kann. Viele Jobs …
Rückschlag bei Mifa-Rettung

Kommentare