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EADS in Ottobrunn.

Interview zur Zukunft des Konzerns

Airbus-Chef Enders: „Ottobrunn wird Zukunftswerkstatt“

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Ottobrunn - Tom Enders macht ernst: Der Chef des Airbus-Konzerns hatte bereits vor Jahren angekündigt, die Konzernzentrale ganz nach Toulouse zu verlegen. Nun steht der letzte Schritt bevor.

Gleichzeitig baut Airbus die Konzernforschung um, deren einziger deutscher Standort künftig Ottobrunn sein wird. Von bisher 600 Konzern-Stellen (weitere 2000 Mitarbeiter arbeiten in Ottobrunn für Airbus-Defence und Space). wird ein großer Teil verlagert und gestrichen. Auf der anderen Seite kommt eine bisher nicht bekannte Zahl neuer Stellen aus anderen Forschungsstandorten – auch aus Frankreich – dazu. Und der dortige Ludwig-Bölkow-Campus wird weiter ausgebaut. Dennoch sorgen die Veränderungen im Südosten von München für Unruhe und Irritationen. Wir sprachen mit Enders über die Rolle von Airbus in Bayern und die Perspektiven für den Standort Ottobrunn.

Herr Enders, es gibt offenbar wieder Streit um Ottobrunn. Was ist da los?

Tom Enders, Airbus-Chef.

Tom Enders: Mit Verlaub, von Streit habe ich nichts mitbekommen. Wir informieren die Staatsregierung regelmäßig, wenn wir umstrukturieren, Mitarbeiter reduzieren oder Stellen verlagern. Das haben wir auch in diesem Fall im Rahmen konstruktiver Gespräche getan – und tun es weiterhin.

Aber in Ottobrunn werden Stellen abgebaut oder verlagert?

Enders: Reden wir doch zunächst einmal über ganz Bayern: Neben Ottobrunn sind unsere großen Standorte Manching, Donauwörth und Augsburg. Das sind die vier Pfeiler unserer Beschäftigung. Wir haben hier rund 15 000 Mitarbeiter, mehr als in jedem anderen Bundesland. Die Zahl wurde in den letzten Jahren erheblich gesteigert. Da müssen wir uns nicht verstecken.

Auch in Manching?

Enders: Wir haben uns in Manching zukunftsfest aufgestellt. Ebenso eindrucksvoll ist Donauwörth, wo jetzt 7000 Beschäftigte arbeiten. In Donauwörth sind derzeit sogar 150 Kollegen aus Marignane in Frankreich beheimatet, weil die Geschäftssituation dort gerade nicht so gut ist. Wenn wir nach der Zahl der Mitarbeiter gehen, ist Bayern eines unserer Heimatländer, noch vor Großbritannien und Spanien. Und wir haben hier mehr Mitarbeiter als an unserem Airbus-Standort in Hamburg.

Was bleibt aber von der früheren Konzernzentrale Ottobrunn?

Enders: Wir haben vor vier Jahren die Grundsatzentscheidung getroffen, die Zentrale unseres Unternehmens an einem Standort zu konzentrieren, in Toulouse. Das macht Sinn, denn Toulouse ist der mit Abstand größte Standort unserer Gruppe und das Zentrum der Luft- und Raumfahrt in Europa. 2013 haben wir damit begonnen, die Funktionen, die wir für die Führung des Konzerns brauchen, aus Paris und München nach Toulouse zu verlagern. Jetzt sollen die verbliebenen Konzernstabsfunktionen folgen.

Aber es fallen auch Funktionen in der Forschung weg.

Enders: Nun, wir sind davon überzeugt, dass wir unsere Konzernforschung neu aufstellen müssen. Auslöser dafür ist ein verändertes Geschäftsumfeld. Die Digitalisierung ist ein Treiber für massiv beschleunigte Innovationsprozesse. Dadurch drängen auch neue Wettbewerber auf den Markt. Der Wettbewerb insgesamt wird härter. Kurz: Wir müssen alte, unzeitgemäße Strukturen aufbrechen und neue, wettbewerbsfähige Organisationen aufbauen. Das tun wir.

Was bedeutet das konkret?

Enders: Das bedeutet, dass wir die Zahl der Festangestellten in der Konzernforschung in Deutschland und in Frankreich um 50 Prozent reduzieren und dann den Personalstand aber wieder erhöhen. Beim Start neuer Technologiedemonstratoren müssen wir sehr viel stärker projektbezogen arbeiten. Sprich: Wir werden verstärkt Mitarbeiter mit befristeten Projektverträgen einstellen oder aus unseren Divisionen extra dafür abstellen. Deren Hauptaufgabe wird darin liegen, zu analysieren, ob ein angedachtes Zukunftsprojekt realistisch und umsetzbar ist. Was die Standorte angeht, so wird aus zwei Standorten in Frankreich einer, und zwar Toulouse. Und der zweite große Standort ist und bleibt Ottobrunn. Es werden im Rahmen dieser Maßnahmen sogar einige Funktionen aus Frankreich nach Ottobrunn verlagert. Insgesamt wird der Bereich aber erheblich umgebaut, damit wir innovative Ideen in Zukunft rascher in Produkte umsetzen können.

Was zum Beispiel?

Enders: Das wichtigste momentan ist das elektrische Systemhaus, das wir in Ottobrunn gemeinsam mit Siemens aufbauen. Dafür geben allein wir über 200 Millionen Euro aus. Wir haben ein Materiallabor neu aufgebaut. Wir werden das Gesamtgeschäft mit unbemannten Flugzeugen für den Gesamtkonzern von Ottobrunn aus führen. Der Ludwig-Bölkow-Campus ist ein Erfolg. Da hat auch die Landesregierung einen großen Beitrag geleistet sowie andere Partner. Ottobrunn wird eine unserer Zukunftswerkstätten. Als Forschungsstandort ist München für Menschen aus der ganzen Welt attraktiver als vor fünf Jahren. Wir können hier für unsere Forschungsvorhaben die Besten gewinnen.

Bedeutet das: Weniger Stammbelegschaft, aber zeitweise bei Projekten trotzdem mehr Beschäftigung?

Enders: Genauso. Wir brauchen schlicht und ergreifend mehr Flexibilität. Wir können nicht mehr nur mit Angestellten auf Lebenszeit arbeiten. Für bestimmte Projekte müssen wir die besten Experten gewinnen, die anschließend wieder weiterziehen. Um Missverständnissen vorzubeugen: Dabei geht es nicht um klassische Leiharbeiter, sondern um hochbezahlte Stellen.

Ihr früherer Forschungsvorstand, Jean Botti, hatte seinen Sitz in Ottobrunn. Bleibt das so?

Enders: Unser CTO hat mindestens vier Sitze: Im Silicon Valley, in Toulouse, in Ottobrunn. Und der vierte Sitz ist im Flugzeug. Mobilität bleibt unsere Kernkompetenz. Ich bin überzeugt, dass unser jetziger Technologievorstand Paul Eremenko mit seinem internationalen Ansatz unsere Innovationsgeschwindigkeit erhöhen kann. Denn eines ist klar: Wenn wir an der Innovationsfront versagen, sind langfristig auch die operativen Standorte gefährdet.

Sie haben betriebsbedingte Kündigungen nicht ausgeschlossen...

Enders: ... das kann ich auch nicht. Klar ist: Wir werden den betroffenen Mitarbeitern bestmöglich helfen, Alternativen aufzeigen und soziale Maßnahmen in den Vordergrund stellen. Unsere Historie zeigt, dass uns das bei ähnlich gelagerten Fällen immer gut gelungen ist. Aber ich kann keine Garantien abgeben. Fest steht: Wer gut ist in seinem Job, das richtige Profil mitbringt und mobil ist, ist absolut richtig bei uns.

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