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120 Aktenordner mit brisantem Inhalt. Damit will die Staatsanwaltschaft nachweisen, dass Markus Straub und Tobias Bosler Akteinkurse zum Schaden anderer beeinflusst haben.

Aktien-Manipulation: Wie man aus einer Pleite Millionen macht

München - Die Angeklagten im Prozess um Aktienkurs-Manipulationen verdienten nicht nur an steigenden, sondern auch an fallenden Kursen. Durch eine Insolvenz strichen sie 6,8 Millionen Euro ein.

Die Verhandlung um Aktienkursmanipulationen im Saal 175 des Münchner Strafjustizzentrums wirkte bisher zeitweise wie ein Börsenseminar für Anfänger. Markus Straub, Angeklagter und ehemaliger Vorstand der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK), erklärte „Verkaufssignale“ oder das „Momentum“ einer Aktie. Oder er dozierte, wie man Wertpapierpakete portionsweise verkauft, ohne dass der Kurs verfällt.

Es war ein einziger Satz, mit dem die Vorsitzende Richterin Jutta Zeilinger die börsentechnischen Höhenflüge beendete: „Wenn ich mir vorstelle, welche Mühe Sie sich bei Thielert gegeben haben, frage ich mich, warum Sie bei Nascacell alles einfach geglaubt haben.“

Denn dieser unaufgelöste Widerspruch ist die Kernfrage, um die sich der Prozess eigentlich dreht: Bei Thielert, einem im S-Dax notierten Flugmotorenbauer, fahndeten die Angeklagten (Straub und sein früherer SdK-Kollege Tobias Bosler) mit teilweise fragwürdigen Methoden nach Haaren in der Bilanzsuppe. Dagegen verbreiteten sie über das Biotechnologie-Unternehmen Nascacell ungeprüft euphorische Behauptungen des Managements zu den Aussichten der Firma, die sich später als pures Wunschdenken erwiesen.

Die Staatsanwaltschaft hat dafür eine einfache Erklärung. Bei Thielert hatten sich Straub und Bosler mit Wertpapieren eingedeckt, deren Wert mit fallenden Kursen stieg. Bei Nascacell wollten sie dagegen einen möglichst erfolgreichen Börsengang zu Geld machen.

Dabei nahmen die Ermittlungen von Straub und Bosler bei Thielert teilweise groteske Züge an. Straub riet Anlegern einmal wegen einer Strafanzeige aus bis heute unbekannter Quelle zum Verkauf. Bosler trat gegenüber Unternehmen und Banken als Investor Dr. Claus Goniva auf, um über Thielert nachzuforschen.

Sie forderten von Firmengründer Frank Thielert Erklärungen über zum Teil auch vertrauliche Vorgänge. Wenn Thielert nicht lieferte, diente selbst das als Argument gegen ihn. Dabei gingen die Thielert- Gegner nicht mit Samthandschuhen vor. Sie hakten auch bei Geschäftspartnern des Motorenbauers nach – selbst zu so sensiblen Dingen wie Details von Rüstungsgeschäften. Man kann sich auch ausmalen, auf welchen Boden bei den wichtigsten Thielert-Kunden Cessna und Diamond Aircraft die hartnäckigen Nachfragen nach angeblich gefälschten Rechnungen und Bilanzen ihres Lieferanten fielen.

Am Ende sprangen mehrere Kunden ab und es kam so, wie Straub von Anfang an behauptet hatte: Thielert ging pleite. Offen ist bis heute, welchen Anteil daran eigenes Versagen von Thielert – während einer wirtschaftlichen Durststrecke – hatte und in welchem Umfang die harschen Methoden der selbsternannten Ermittler zur Pleite beitrugen.

Die Aktionäre des Unternehmens verloren jedenfalls alles. Bosler und Straub selbst hatten keinen Schaden: Denn sie hatten von Anfang an auf fallende Kurse von Thielert gewettet. Dabei schienen die eingesetzten fünf Millionen monatelang verloren, weil die Aktie einfach nicht fiel. Daraufhin entschlossen sich die beiden Angeklagten, wie Straub gestern sagte, gemeinsam „gegen Thielert zu recherchieren“ – und hatten am Ende Erfolg: Bosler machte durch die Pleite 3,2 Millionen, Straub 3,5 Millionen.

Der Gewinn regnete nicht einfach so von oben auf die Angeklagten herab – er entsprach Verlusten der Aktionäre. Es ist wie in dem Bösenspott, den Börsianer oft über sich ergehen lassen müssen: Ihr Geld, so heißt es darin, ist nicht weg. Es gehört nun einfach anderen. Die anderen hießen im Fall Thielert Markus Straub und Tobias Bosler.

Martin Prem

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