Aktionäre feiern Pierers Klatsch- und Lachgeschichten

- München - Wäre Siemens-Chef Heinrich von Pierer nicht in Erlangen, sondern im südlicheren Bayern geboren worden, er hätte die Hauptversammlung seines Konzerns wohl als "gmahde Wiesn" bezeichnet. Schon für die Feststellung, dass Siemens über eigenem Bedarf Lehrlinge ausbildet, applaudierten ihm knapp 10 000 Aktionäre in der Münchner Olympiahalle. Und nachdem er den Herren launig empfohlen hatte, ihre Gattinnen mit Siemens-Handys auszustatten ("Solche Geschenke kann man auch nach Weihnachten machen"), lachten die Anleger und beklatschten sogar Sätze wie "Der 64-zeilige Computertomograph ist jetzt kurz vor der klinischen Erprobung". Dabei hatte Pierer bis dahin die wirklich gute Nachricht des Tages nicht erwähnt: die Zahlen für das erste Quartal des laufenden Geschäftsjahres.

<P>Der Gewinn nach Steuern stieg gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 39 Prozent auf 726 Millionen Euro. Der Umsatz sank wegen des hohen Euro-Kurses um drei Prozent auf 18,3 Milliarden Euro. Währungsbereinigt kletterte er um zwei Prozent. Und selbst für den Problembereich Information und Kommunikation (I&C), aus dem Beschäftigte vor der Halle demonstrierten, hatte Pierer wohlklingende Worte übrig.</P><P>Die Demonstranten schienen sich der allgemein guten Stimmung angepasst zu haben. Statt beißendem Trillergepfeife hörten die herbeiströmenden Anleger ein fröhliches Protestlied: "Heeeeey, ab in den Osten, der Arbeit hinterher." Auch Pierer konnte später von dieser Entwicklung ein Liedchen singen. Er lobte die "exzellente Arbeit", die Siemens-Mitarbeiter in Rumänien bei Kosten von 27 Euro pro Stunde leisten würden, während in der Münchner Hofmannstraße ein Vielfaches bezahlt werden müsse. Entsprechende Verlagerungsvorteile werde man nutzen - "mit Augenmaß". Während die Zahl der Mitarbeiter in Deutschland im ersten Quartal 2003/04 um 3000 gesunken ist, blieb sie im Ausland konstant.</P><P>Immerhin brach der oberste Siemensianer eine Lanze für den I&C-Bereich, als Aktionäre einen Ausstieg aus diesem Geschäft anregten. Auch wenn es wegen sinkender Verkaufspreise schwierig sei, mit Handys Geld zu verdienen, gebe es keine Veranlassung, sich von der Mobilfunksparte ICM zu trennen. Im vergangenen Quartal wurde mit 15,2 Millionen Mobiltelefonen ein Verkaufsrekord erzielt und das Betriebsergebnis auf 123 Millionen Euro verdoppelt. Im Netzwerkgeschäft ICN sei die Restrukturierungsphase fast abgeschlossen. Der Bereich schrieb - wie alle anderen mit Ausnahme der Automatisierungssparte Dematic - schwarze Zahlen (51 Millionen Euro). "Ich kann mir Siemens ohne ICN fast nicht vorstellen", sagte Pierer. Im Gegenteil: Durch Kooperationen oder Zukäufe könne die Sparte ergänzt werden.</P><P>Für Zukäufe ist Siemens gerüstet. Allein der jüngste Verkauf von Infineon-Aktien spülte 1,8 Milliarden Euro in die Kasse. "Bei verschiedenen Themen liegen wir auf der Lauer", berichtete der Siemens-Chef. Für das laufende Jahr erwartet er beim Ertrag ein Wachstum im zweistelligen Prozentbereich, beim Umsatz im einstelligen. Gefährdet wird dieser Plan durch den starken Euro. Auch an Siemens gehe der "nicht spurlos vorbei". Dies sei aber nicht als "versteckte Gewinnwarnung" zu verstehen. Machten die Börsen auch nicht, wo die Siemens-Aktie zunächst um 2,4 Prozent auf 68,79 Euro stieg. "Sie haben Ihre Siemens gut im Griff", lobte eine Aktionärsvertreterin Pierer. Wie lange noch, wollte er nicht sagen, kurz vor seinem 63. Geburtstag, den er am Montag feiert. Es sieht aber so aus, als wolle er seine Siemens-Wiese noch weiter mähen und pflegen.</P>

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