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Es geht um Millionen: Die Hypo Real Estate muss sich mit Schadenersatzforderungen von Anlegern auseinandersetzen.

Hypo Real Estate

Aktionäre nehmen Bank ins Visier

München - Gegen die Hypo Real Estate wird die erste Millionenklage von Anlegern verhandelt, die sich geschädigt fühlen. Weitere Klagen sind in Vorbereitung. Die Bank ist juristisch in der Klemme.

Die Münchner Skandalbank Hypo Real Estate (HRE) ist nicht nur ein Milliardengrab. Auch die juristische Aufarbeitung ihres Falls verspricht historische Dimensionen. Staatsanwälte und Bankenaufsicht Bafin ermitteln. Gefeuerte Ex-Manager klagen gegen ihren Rauswurf und ihr ehemaliger Arbeitgeber plant eine Sonderprüfung, um die alte Führungsriege in Regress nehmen zu können. Gleichzeitig verklagen Anleger die HRE auf Schadenersatz. Heute beginnt in München ein erster Prozess um Millionensummen.

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HRE-Aktionäre hoffen auf Schadensersatz

„Da geht was“, glaubt Rechtsanwalt Felix Weigend und fordert im Namen seiner Mandanten rund sechs Millionen Euro. Rund 60 Kläger vertritt die Münchner Kanzlei Rotter in Sachen HRE. Klagen auf Schadenersatz gegen Unternehmen galten einmal als kaum durchsetzbar, weil Geschädigte vorsätzliche Fehlinformation nachweisen mussten, eine oft zu hohe Hürde.

Weigend und Kollegen sind aber optimistisch, weil die letzte Reform des Wertpapierhandelsgesetzes die Beweispflicht verlagert. Jetzt müsse die Bank nachweisen, nicht grob fahrlässig gehandelt zu haben. Außerdem hat die Kammer, vor der jetzt auch die Rotter-Mandanten stehen, Mitte Juni in einem ähnlich gelagerten Fall einem Kläger gut 4000 Euro Schadenersatz zugesprochen. „In der Sache deckt sich das“, sagt Weigend.

HRE will nur Anwälte reden lassen

Die HRE schweigt und will nur ihre Anwälte vor Gericht reden lassen. Das Juni-Urteil (Aktenzeichen: 22 01 62 05/08) werde aber angefochten und die Klage in die nächste Instanz gehievt, weil die Begründung der Richter nach Ansicht der HRE-Juristen unhaltbar ist. Zudem seien vier andere Zivilklagen zu Gunsten der HRE entschieden, weil sie von Klägern zurückgenommen wurden. Die HRE habe Ex-Vorstände gebeten, darunter den ehemaligen Bank-Chef Georg Funke, dem Streit beizutreten, erklärt Weigend dazu. Scheitern die Kläger, müssten sie auch die Anwälte der Banker bezahlen. Das Prozessrisiko steigt damit und wer keine Rechtsschutzpolice hat, schert lieber aus, sagt Weigend zu dieser taktischen Form der Verteidigung. Die Rechtskosten der Staatsbank HRE schultere dagegen der Steuerzahler.

In der Sache machen Weigends Mandanten geltend, dass die Bank erstmals Mitte Januar 2008 und damit verspätet öffentlich Probleme durch die Finanzkrise eingestanden hat. „Der Kapitalmarkt wurde belogen“, heißt es in der über 100-seitigen Klageschrift. So seien Anleger zum Kauf von HRE-Aktien verführt und in die Falle gelockt worden. Kursstürze haben das 2007 über 52 Euro notierende Papier auf das heutige Niveau von rund eineinhalb Euro verfallen lassen. Aus der Differenz errechnen Kläger ihre Schadenersatzansprüche gegen die HRE.

Die HRE-Anwälte machen geltend, dass die Bank und damalige Vorstände von der Finanzkrise ohne eigene Schuld überrollt worden seien und dem Kapitalmarkt stets alle verfügbaren Informationen fristgerecht zugängig gemacht wurden. Möglich ist, dass das Gericht den Fall – der Klage Mitte Juni folgend – für entscheidungsreif hält und ein Urteil fällt. Andere Rechtsexperten sind skeptisch, da angesichts der Vielzahl drohender Klagen gegen die HRE bei der jetzigen Verhandlung möglichst ein als Präzedenzfall taugendes Muster geschaffen werden soll. Denkbar ist auch, dass das Gericht Gutachten verlangt oder Zeugen befragen will. Geht es durch alle Instanzen bis vor den Bundesgerichtshof, kann ein endgültiges Urteil Jahre dauern.

Sammeltermin bleibt nicht einzige Millionenklage

Sicher ist, dass der jetzige Sammeltermin nicht die einzige Millionenklage gegen die HRE bleibt. Auch die Frankfurter Kanzlei Nieding und Barth hat ähnliche Klagen eingereicht. Einmal machen Privatanleger eine zweistellige Millionensumme geltend, verrät Klaus Nieding. Bei einer zweiten Klage verlangen institutionelle Anleger eine dreistellige Millionensumme. Dafür sind die Verhandlungstermine noch offen.

Zumindest für juristische Laien bizarr wird es 2010, wenn in Sachen Funke gegen HRE verhandelt wird. Der frühere HRE-Chef klagt gegen seine Kündigung und auf Gehaltsfortzahlung in Millionenhöhe. Dann muss die Bank ihm Pflichtverletzungen nachweisen, also das Gegenteil von dem, was sie gegen die Schadenersatzklagen geltend macht. „Das passt nicht zusammen“, findet Weigend. Wenn Funke & Co. Pflichten verletzt haben und zu Recht gekündigt wurden, dann müssten auch deswegen klagende Aktionäre entschädigt werden.

Von Thomas Magenheim-Hörmann

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