+
Wenn es kracht und etwa der Airbag ausgelöst wird, ruft das E-Call-System automatisch die europäische Notrufnummer 112 und überträgt die Position des Fahrzeugs.

Notrufsystem e-Call

Verpflichtendes Notrufsystem für neue Autos - die wichtigsten Fragen

  • schließen

Ab 31. März müssen alle neu zugelassenen Autos über das automatische Notrufsystem E-Call verfügen. Dann übermitteln die Autos im Fall eines Unfalls selbstständig Daten an die Rettungsdienste. Fahrer können den Notruf aber auch selbst tätigen.

München - Alle neuen Fahrzeugmodelle in der EU sind künftig mit dem automatischen Notrufsystem E-Call ausgestattet. Das System soll nach einem schweren Unfall automatisch eine Nachricht samt Standort an die örtliche Notrufzentrale senden und eine Sprachverbindung zur Leitstelle herstellen. Das EU-Parlament und Europäischer Rat hatten eine entsprechende Verordnung im April 2015 verabschiedet (Verordnung EU 2015/758). Die Abkürzung E-Call steht für den englischen Begriff emergency call (Notruf). Hier die wichtigsten Fragen und Antworten zu dem neuen Notrufsystem:

Warum hat die EU den E-Call eingeführt?

Laut EU-Kommission sind 2012 europaweit etwa 28.000 Menschen im Straßenverkehr ums Leben gekommen. Die EU-Kommission geht davon aus, dass der E-Call die Reaktionszeit der Einsatzkräfte nach Verkehrsunfällen in ländlichen Gebieten um bis zu 50 Prozent und in Städten um bis zu 40 Prozent verringern kann. Damit sollen pro Jahr über 1000 Todesfälle im Straßenverkehr verhindert werden. Das EU-Parlament geht sogar davon aus, dass die Zahl der Verkehrstoten in Europa durch den E-Call pro Jahr um über 2500 sinken könnte.

Lesen Sie auch: BRK schlägt Alarm: Patienten mit Wehwehchen überlasten die Notaufnahmen

Wie genau funktioniert der E-Call?

„Auslöser für einen E-Call-Notruf sind im Fahrzeug verbaute Crash-Sensoren“, heißt es beim ADAC. Wahlweise könne der Notruf bei einem dringenden medizinischen Problem, zum Beispiel einer Herzattacke, auch manuell ausgelöst werden. Schlagen die Crash-Sensoren Alarm, setzt das Fahrzeug unmittelbar nach einem schweren Verkehrsunfall selbsttätig einen E-Call-Notruf an die nächstgelegene Notrufzentrale ab – europaweit ist das die einheitliche Nummer 112.

Kann das System auch nachgerüstet werden?

Nein - dem ADAC sind keine Nachrüstsysteme bekannt.

Hatte die Versicherungswirtschaft vor einem Jahr den E-Call nicht bereits eingeführt?

Nein. Richtig ist, dass die Versicherungswirtschaft vor einem Jahr einen Unfallmeldedienst eingeführt hat. Mit dem E-Call hat dieser Unfallmeldedienst aber nichts zu tun. Die Versicherer vertreiben ihr eigenes System - bestehend aus einem Stecker für den Zigarettenanzünder und einer App für das Smartphone. Beschleunigungssensoren im Stecker messen die Schwere des Unfalls und senden über das Smartphone des Autofahrers die Positionsdaten an eine eigens eingerichtete Notrufzentrale, die vom Spitzenverband der Versicherungswirtschaft (GDV) betrieben wird. Anders als das E-Call-System der EU, das es nur in Neuwagen geben wird, lässt sich der Unfallmeldedienst der Versicherer auch in älteren Modellen installieren.

Lesen Sie auch: Notruf um die halbe Welt: So wurde ein Exil-Isener zum Lebensretter

Was ist mit Notfall-Diensten der Autohersteller?

Notfall-Dienste der Hersteller haben mit dem E-Call ebenfalls nichts zu tun. Anders als Hersteller-Dienste ruft der europäische E-Call immer die 112. „Autofahrer, die einen herstellereigenen Notrufdienst in ihrem Fahrzeug haben, können künftig frei wählen zwischen herstellereigenem Notrufdienst und dem europaweiten 112-E-Call Dienst“, erklären die Experten des ADAC. Fahrzeughersteller seien aber verpflichtet, das Fahrzeugsystem für den europaweiten 112-E-Call in jedem Fall einzubauen, auch wenn sie einen eigenen Notrufdienst anbieten.

Welche Daten werden beim europäischen E-Call gesendet?

Nach einer Verschärfung der Verordnung durch das EU-Parlament dürfen die nach einem Unfall gesendeten Daten nur Informationen zum Fahrzeugtyp, zum Treibstoff, zum Unfallzeitpunkt, zur Fahrzeugposition und zur möglichen Anzahl der Insassen enthalten (die Anzahl der Mitfahrer ermittelt das System anhand der Zahl der angelegten Sicherheitsgurte). Auch dürfen die von den Rettungsdiensten gesammelten Daten ohne Zustimmung der betroffenen Person nicht an Dritte weitergegeben werden, versichert die EU. Die Autohersteller müssten zudem gewährleisten, dass die E-Call-Technologie die vollständige und dauerhafte Löschung aller gesammelten Daten erlaubt.

Lesen Sie auch: Zigaretten, Streaming, Autos: Das ändert sich ab März 2018

Kann das System auch ein Bewegungsprofil erstellen?

Nein, heißt es beim ADAC. „Denn die dort verwendete SIM-Karte bucht sich erst dann in das Mobilfunknetz ein, wenn das Auto einen verletzungsrelevanten Unfall hatte.“ In der EU-Verordnung sei klar geregelt, dass zwischen dem E-Call-System und einem herstellerspezifischen System kein Austausch erfolgen dürfe.

Wird bei einem E-Call automatisch auch die Polizei gerufen?

„Davon gehen wir aus“, heißt es beim ADAC. Rettungsdienst und Feuerwehr seien für die Versorgung von Verletzten zuständig, die Polizei sichere die Unfallstelle ab und leite den Verkehr um. Die Branddirektion München vertritt eine andere Einschätzung: „Im Standardverfahren wird bei einem Notruf nicht automatisch bei der Polizei angerufen“, sagt ein Sprecher der Behörde. Er gehe davon aus, dass dies auch beim E-Call so gehandhabt werde. Alles weitere müsse aber die Praxis zeigen.

Lesen Sie auch: Aufgemerkt: Das ändert sich für Autofahrer 2018

Gibt es bereits erste Erfahrungswerte mit dem E-Call der EU?

Auch wenn das Notfall-System erst ab Samstag verpflichtend in neuen Serienmodellen verbaut werden muss, sind auf Europas Straßen bereits erste Fahrzeuge mit dem E-Call-System unterwegs. Auch die Notrufzentralen haben ihre Systeme technisch aufgerüstet. „Es gab im Vorfeld Proben und Tests, um die Funktionsfähigkeit und Abarbeitung sicherstellen zu können“, sagt der Sprecher der Branddirektion München. „Aber bis zum heutigen Tag hatte kein Mitarbeiter der Leitstelle einen Notruf, der über E-Call oder ein vergleichbares System einging.“ Auch der Integrierten Leitstelle Oberland des Bayerischen Roten Kreuzes seien bislang keine E-Call-Notrufe bekannt, obwohl die Leitstelle bereits seit Ende 2017 solche Notrufe empfangen könne, sagte Leitstellen-Chef Helmut Ochs.

Wie lange wird es dauern, bis sich das System auf den Straßen durchgesetzt hat?

Eine flächendeckende Verbreitung ist laut GDV nicht vor 2035 zu erwarten. In zehn Jahren werde es in Deutschland immer noch rund 19 Millionen Autos ohne ein solches System geben, schätzt der GDV.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Immer weniger Privatpleiten in Deutschland
Hamburg (dpa) - Private Insolvenzen werden in Deutschland immer seltener. Im ersten Halbjahr mussten nach Angaben der Wirtschaftsauskunftei Crifbürgel 42.846 Verbraucher …
Immer weniger Privatpleiten in Deutschland
Hitzeschäden bei Tom Tailor: Umsatz- und Gewinnwarnung
Der heiße Sommer hat im Textil-Einzelhandel eine verheerende Schneise geschlagen. Nach Zalando und Gerry Weber muss auch Tom Tailor seine Prognosen nach unten …
Hitzeschäden bei Tom Tailor: Umsatz- und Gewinnwarnung
Immer mehr Händler nutzen Chancen des Onlinehandels
Düsseldorf (dpa) - Auch immer mehr stationäre Händler profitieren nach Angaben des Handelsverbandes Deutschland (HDE) vom Boom des Onlinehandels. Ein Viertel der …
Immer mehr Händler nutzen Chancen des Onlinehandels
Messe "Kind+Jugend" in Köln gestartet
Die "Kind+Jugend" wächst und wächst. In diesem Jahr rückt die internationale Messe neben der Sicherheit der Kleinsten auch die digitalen Helfer in den Mittelpunkt. Ein …
Messe "Kind+Jugend" in Köln gestartet

Kommentare