Drastische Zinssenkung

Mit aller Macht gegen die Rezession

Frankfurt – US-Notenbankchef Ben Bernanke und seine Kollegen stemmen sich mit aller Macht gegen die Rezession: Die US-Notenbank (Fed) sieht sich zu historisch einmaligen Schritten gezwungen. Die Währungshüter wollen in noch nie dagewesenem Maße Geld in den Markt pumpen.

Der Leitzins sinkt auf den niedrigsten Stand in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Die Notenbank reduzierte die sogenannte Federal Funds Rate unerwartet deutlich von 1,0 Prozent auf das Rekordtief von null bis 0,25 Prozent. Sieben Fragen und Antworten zu dieser Entscheidung:

-Bringt der Beschluss der Federal Reserve die
US-Konjunktur in Schwung?
Experten erwarten keinen unmittelbaren Schub für die Konjunktur. „Ich glaube nicht, dass die Menschen wegen der Zinssenkungen jetzt Autos kaufen“, sagt der US-Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Joseph LaVorgna. Der Grund: Die Amerikaner haben angesichts des massiven Stellenabbaus in US-Unternehmen Angst um ihren Job. „Die Gaspreise und die Inflation sind gesunken, doch die Menschen geben das dadurch eingesparte Geld nicht aus“, berichtet Konjunkturexperte Scott Anderson von Wells Fargo. Diane Swonk vom Finanzdienstleister Mesirow Financial rechnet damit, dass die Zinssenkung wahrscheinlich erst 2010 Wirkung entfaltet.

-Kommen die US-Verbraucher jetzt leichter an Kredite?
Für die Amerikaner könnte es billiger werden, Kredite aufzunehmen. Die Geschäftsbanken Wells Fargo, Wachovia und U.S. Bancorp senkten nach der Entscheidung der Fed ihre Kreditzinsen von 4 auf 3,25 Prozent. Ob es für die Verbraucher aber einfacher wird, an Geld zu kommen, bezweifeln Experten. Die Banken dürften weiterhin zurückhaltend sein bei der Kreditvergabe, sagt Konjunkturexperte Torsten Schmidt vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI). Die Institute wüssten nach wie vor nicht genau, was an Belastungen aus der Finanzkrise noch auf sie zukomme und wollten neue Risiken vermeiden. Eine Rezession mit steigender Arbeitslosigkeit „ist nicht das Umfeld für Kredite an Menschen, die möglicherweise in zwei oder drei Wochen ihren Job verlieren“, sagt John Silvia, der Chefvolkswirt bei Wachovia.

-Werden die Hypothekenzinsen in den USA jetzt deutlich sinken?
Derzeit liegen die Hypothekenzinsen in den USA im Schnitt bei 5,3 Prozent. Analysten schließen einen Rückgang auf 5 Prozent oder darunter nicht aus. Allerdings wird die Höhe von Hypothekenzinsen auch durch das erwartete Ausfallrisiko bestimmt und dies wird von den Banken nach wie vor als hoch angesehen, wie Beobachter meinen.

-Was bringt dann die Zinssenkung überhaupt?
Die Lockerung der geldpolitischen Zügel ist Experten zufolge nicht der entscheidende Schritt. Die effektiven Fedzinsen liegen ohnehin schon seit einer Weile in der Nähe des jetzigen Satzes. „Die Zinssenkung hat dem nur das offizielle Siegel gegeben“, meint die Commerzbank. Wichtiger sei die Ankündigung der Notenbank, die Zinsen für einige Zeit auf dem niedrigen Niveau zu belassen. Der Vorteil: Die Banken können sich bei ihrer Refinanzierung auf niedrige Zinsen einstellen und werden nicht von Erhöhungen überrascht.

-Was kann die Fed noch tun, nachdem die Zinsen praktisch bei null liegen?
Die Fed kündigte an, sie werde „alle verfügbaren Mittel“ einsetzen, um die schlimmste Finanzkrise seit mehr als sieben Jahrzehnten zu überwinden. Bereits in der Vergangenheit hat die Notenbank Banken Geld geliehen, die Kredite an Privatkunden und kleine Unternehmen vergeben haben. Im Gegenzug übernahm sie die in Anleihen verpackten Kredite. Jetzt kündigte die Fed an, Haushalte und Kleinunternehmen direkt mit Krediten zu versorgen. Außerdem erwägt sie den Ankauf auch länger laufender US-Staatsanleihen.

-Ist die Situation der US-Wirtschaft mit der Japans in den 90er Jahren vergleichbar?
Trotz einer Null-Zins-Politik der Notenbank steckte die japanische Wirtschaft damals jahrelang in einer Stagnation. Die aktuelle Situation der US-Wirtschaft ist damit aber nur bedingt zu vergleichen. Die USA seien insgesamt dynamischer, meint RWI-Experte Schmidt. „Die Chancen, dass die USA aus eigener Kraft rauskommen, sind etwas größer“. Die Japaner seien bei der Bekämpfung der Krise damals zu vorsichtig gewesen, meint Stefan Schneider, Konjunkturexperte bei der Deutschen Bank. In den USA zögen Notenbank und Politik an einem Strang.

-Senkt auch die Europäische Zentralbank die Zinsen?
Allgemein wird mit weiteren Zinssenkungen im Euro-Raum gerechnet. Die Inflation ist gesunken und bietet Spielraum für eine Lockerung der geldpolitischen Zügel. Schneider schätzt, dass der Leitzins im gemeinsamen Währungsraum im Frühjahr bei wahrscheinlich 1,0 Prozent liegt.

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