Interview mit Anlagestratege

Warum es noch lohnt, in Aktien zu investieren

München – Gute Zeiten für Aktionäre: Der Deutsche Aktienindex Dax eilt von einem Allzeithoch zum nächsten. Ob Kleinanleger jetzt noch einsteigen sollen oder ob ein Absturz droht, besprachen wir mit dem Chef-Anlagestrategen der Deutschen Bank, Ulrich Stephan.

Die Aktienmärkte sind auf Rekordjagd. Manchem wird da schon mulmig. Droht eine Blase?

Das glaube ich nicht. Wenn man sich die Bewertungen im Dax ansieht, stellt man fest, dass die viel niedriger sind als bei den ersten beiden Malen, als wir über die 8000 Punkte geblickt haben, also den Jahren 2000 und 2007. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis lag 2000 bei 27,5 und verringerte sich sieben Jahre später auf ungefähr 13,2, heute sind es nur 11,5. Auch nach Buchwerten sind deutsche Aktien momentan nicht teuer. Außerdem ist es ja so, dass es zurzeit kaum Alternativen zu Aktien gibt, und zugleich eine enorme Liquidität auf dem Markt ist. All das spricht weiter für Aktien.

Sie erwarten also keinen Einbruch?

Nein. Ich gehe davon aus, dass man in qualitativ guten Aktien ruhig engagiert bleiben kann.

Trotzdem haben viele Privatanleger in Deutschland Angst vor Aktien und sind bei dieser Börsenrallye nicht dabei.

Die Rallye findet insgesamt bei relativ niedrigen Umsätzen statt. Das heißt, so manchem institutionellen Anleger geht es nicht besser als Kleinanlegern. Viele sind nicht dabei. Ich werde auch von Versicherungen oder Stiftungen nach Alternativen zu Aktien gefragt, denen ich dann sagen muss, dass es so gut wie keine gibt. Eine Geldanlage, die die Inflationsrate plus Steuern schlägt, ist heutzutage ausgesprochen schwer zu finden.

Wie kann man Privatleute von Aktien überzeugen?

Man muss sich klarmachen, dass Aktien keine Anlage sind, bei der man von einem Tag auf den anderen zehn Prozent Rendite macht. Es ist eine unternehmerische Beteiligung. Aktienneulinge sollten auf die Dividende achten, die ein Unternehmen bezahlt, das allein ist bei vielen wirklich attraktiv und auf jeden Fall deutlich höher als das, was man bei Staatsanleihen selbst mit langer Laufzeit bekommen kann. Natürlich kann der Wert von Aktien stark schwanken. Damit muss man leben. Aber selbst bei starken Einbrüchen, die es immer wieder einmal gab, haben sich Aktien in wirklich überschaubarer Zeit wieder erholt. Ich würde dem Anleger raten, die Welt nicht schwarz oder weiß zu sehen. Man muss ja nicht gleich sein ganzes Geld in den Aktienmarkt stecken. Und natürlich nicht alles in einen Posten. Ich empfehle, am Anfang erste vorsichtige Schritte zu machen und Erfahrungen zu sammeln.

Viele Anleger sind irritiert, weil es die sichere und zugleich rentable Geldanlage nicht mehr gibt. Muss man als Anleger die Perspektive ändern?

Ja, das muss man tatsächlich. Bei absolut sicheren Produkten wie bestimmten Staatsanleihen ist auch sicher, dass man die Inflationsrate damit nicht verdient. Das Szenario ist eben so, wie es uns die Notenbanken eingerichtet haben: niedrige Zinsen in allen Laufzeitbereichen.

Wie lange wird die Niedrigzinsphase noch andauern?

Ich glaube, sie wird länger dauern, als viele meinen. Die Amerikaner haben klargemacht, dass sie ihre expansive Geldpolitik notfalls noch ausweiten werden, und dass die Zinsen mindestens bis 2015 niedrig bleiben. Auch EZB-Präsident Mario Draghi hat bei der letzten Zinssenkung deutlich gemacht, dass er die Zinsen bis mindestens 2014 niedrig lassen will und im Übrigen in unbegrenztem Maß Liquidität zur Verfügung stellen wird. Um eine Schuldenkrise, wie wir sie jetzt haben, abzuarbeiten, braucht man einfach länger als bei einer Konjunkturdelle.

Das heißt, es ist noch nicht zu spät, um an der Börse einzusteigen?

Es kommt immer auf das Risikoverständnis des Anlegers an. Wer nicht direkt in Aktien investieren will, kann im Fondsbereich auf Produkte mit Garantien, aber auch auf Zertifikate zurückgreifen. Die Unsicherheit ist groß, das verstehe ich auch. Schließlich sind viele Dinge, die heute das Geschehen prägen, noch nie dagewesen. Die Notenbanken standen vor demselben Problem wie ein Patient, der zum Arzt geht, weil das verordnete Medikament nicht wirkt. Dann hat man zwei Möglichkeiten: Das Medikament wechseln oder mehr Medizin. Die Notenbanken haben sich entschieden, mehr zu verabreichen.

War das eine richtige Entscheidung?

Ich glaube, es ist zu früh, um zu entscheiden, ob der Weg richtig oder falsch war. Es gibt einen klaren politischen Willen, die Euro-Zone zusammenzuhalten und den Euro zu behalten. Und diesen Kurs unterstützen die Notenbanken.

Ein Kurs, der die Börsen antreibt. Abgesehen davon: Wie schätzen Sie die fundamentale Verfassung der deutschen Unternehmen, zum Beispiel aus dem Dax ein?

Die Unternehmen sind sehr gut aufgestellt. Sie haben sich vielmehr fokussiert auf ihr Kerngeschäft, ihre Bilanzen in Ordnung gebracht und das niedrige Zinsniveau für ihre Kapitalausstattung genützt. Es wurde großen Wert auf Effizienz und Profitabilität gelegt. Wir sehen das an sehr ordentlichen Bilanzen.

Ist die starke Exportorientierung kein Problem?

Die deutschen Firmen hängen natürlich nach wie vor sehr stark am Export und damit an der Weltwirtschaft. Aber solange wir ein Weltwirtschaftswachstum von drei Prozent, nächstes Jahr vielleicht von vier Prozent haben, sieht das alles nicht so schlecht aus. Ich erwarte auch für Europa eine graduelle Verbesserung, sodass auch hier die Exporttätigkeit wieder zulegen könnte. Das heißt für den Anleger, dass er auch zyklische Werte wieder ins Auge fassen kann.

Welche Weltregionen würden Sie für die Geldanlage bevorzugen?

Ich würde ein nennenswertes Gewicht auf Amerika legen, und da vor allem auf Finanzen und Technologie setzen. Einen weiteren Schwerpunkt sehe ich in Japan, von dessen wirtschaftlicher Entwicklung ich noch einiges erwarte. Dritter großer Schwerpunkt ist Europa, und da ist Deutschland nur ein Markt von vielen. Es gilt: Weniger schlecht ist gut. Griechenland zum Beispiel war vergangenes Jahr der beste europäische Aktienmarkt, nicht weil es mit dem Land so stark aufwärts geht, sondern weil alles nicht ganz so schlimm war wie befürchtet. So ähnlich könnte es in Spanien, Frankreich und Italien laufen. Natürlich geht manches sehr langsam oder zu wenig dynamisch, aber man kann nicht leugnen: Es gibt in diesen Ländern ganz klar Verbesserungen.

Welche Unternehmen könnte man sich in Deutschland ansehen?

Da lohnt zum Beispiel auch mal ein Blick in den M-Dax, der gerade ein Allzeithoch erreicht hat. Das sind mittelständische Unternehmen, die oft extrem gut aufgestellt sind. Man muss dabei allerdings auch ein Auge auf den Yen werfen, denn japanische Firmen stehen gerade im Maschinenbau, Autozulieferer und Medizintechnik (wo viele M-Dax-Firmen arbeiten) in Konkurrenz zu den deutschen. Wenn der Yen dramatisch an Wert verlieren würde, wäre das für die deutschen Firmen ein Wettbewerbsnachteil.

Wo sehen Sie den Dax am Jahresende?

Unter Berücksichtigung der Gewinnerwartungen und der Bewertungen sehe ich den Dax am Jahresende bei 9000 Punkten, zu Jahresbeginn haben wir als Deutsche Bank noch 8000 Punkte prognostiziert.

Europa steckt auch nach den neuesten Statistikzahlen tief in der Rezession. An welchem Punkt der Krise befinden wir uns? Am Tiefpunkt?

Nein. Ich glaube, dass wir den Tiefpunkt im 4. Quartal des vergangenen Jahres hinter uns gebracht haben. Das 1. Quartal dieses Jahres läuft schon besser als vielfach erwartet. Natürlich sind wir immer noch in der Rezession. Das liegt auch daran, dass Deutschland schlechter abgeschnitten hat als erwartet. Südeuropäische Länder haben dagegen etwas bessere Zahlen vorgelegt. Da wir immer noch große Mengen nach Südeuropa exportieren, gehe ich davon aus, dass die tendenzielle Erholung in diesen Ländern im dritten und vierten Quartal auch unsere Exporte wieder beleben wird.

Was macht Sie so zuversichtlich?

Wir haben den Höhepunkt des Sparkurses in den Krisenländern hinter uns, jetzt wird der Fokus wieder auf Wachstumsstrategien gesetzt. Die Strukturreformen scheinen in manchen dieser Länder zu wirken, die Lohnstückkosten sind zurückgegangen.

Welche Krisenländer sind denn auf einem guten Weg?

Ich glaube, dass Spanien und Portugal sehr viel erreicht haben. Portugal hat einige Ziele sogar übererfüllt. Die positive Entwicklung können Sie klar an der Leistungsbilanz festmachen. Natürlich darf man deshalb jetzt nicht erlahmen, man muss mit dem Reformkurs schon weitermachen. Was man dabei aber nicht vergessen darf, ist, dass die Menschen in diesen Ländern wieder eine Perspektive haben müssen.

Interview: Corinna Maier

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