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Der Münchner Merkur sprach mit dem Chef der Allianz Deutschland, Markus Rieß, über die Zukunft der Lebensversicherung, sichere Geldanlagen und das wachsende Geschäft mit Policen im Internet.

Allianz-Chef: "Können mit niedrigen Zinsen leben"

München - Der Münchner Merkur sprach mit dem Chef der Allianz Deutschland, Markus Rieß, über die Zukunft der Lebensversicherung, sichere Geldanlagen und das wachsende Geschäft mit Policen im Internet.

Die Konservativen haben die Wahl in Griechenland gewonnen. Können wir jetzt aufatmen?

Die Mehrheit der Wähler in Griechenland hat sich offenbar für den Verbleib in der Euro-Zone und für die Umsetzung der Strukturprogramme entschieden. Die Wahrscheinlichkeit, dass der eingeschlagene Weg fortgesetzt wird, ist durch das Wahlergebnis auf jeden Fall gestiegen.

Ist der rigide Sparkurs von Kanzlerin Merkel der richtige Weg aus der Krise?

Die Maßnahmen zur Konsolidierung der Staatsschulden sind richtig. Jetzt geht es um die konkrete Umsetzung. Nur wenn diese Maßnahmen auch zügig in Kraft treten, schöpfen die Kapitalmärkte wieder Vertrauen.

Die Euro-Schuldenkrise hat das Vertrauen in Staatsanleihen massiv beschädigt. Wie legt die Allianz ihr Geld an?

Wir investieren in ein breites Spektrum. Das reicht von Immobilien über Unternehmens- und Staatsanleihen bis hin zu Pfandbriefen und Infrastrukturprojekten.

Investiert die Allianz Deutschland auch in riskantere Staatsanleihen wie Portugal oder Italien?

Portugiesische Staatsanleihen kaufen wir nicht. In Italien investieren wir nur in sehr geringem Maße. Der größte Anteil fließt allerdings in risikoärmere Anlagen.

Die Aktienquote bei der Allianz liegt derzeit bei knapp acht Prozent. Wollen Sie den Anteil ausbauen?

Nein, im Moment ist das nicht geplant.

Stichwort Infrastrukturprojekte: Können Sie Beispiele nennen?

Wir investieren etwa in Windparks auf dem Land oder in Gasleitungsnetze. Wir sind aber auch an den Einnahmen aus Parkuhren in Chicago beteiligt.

Die Rendite von deutschen Staatsanleihen liegt fast bei null Prozent. Wie lang kann die Allianz angesichts der hohen Garantiezinsen aus Altverträgen eine Niedrigzinsphase durchstehen?

Wir können uns die Garantien dauerhaft leisten, weil wir so breit gefächert investieren. Selbst bei der Neuanlage in der Lebensversicherung lag die Rendite 2011 bei rund vier Prozent. Natürlich dürfen die Kapitalmarkt-Zinsen nicht künstlich niedrig gehalten werden.

Die Regierung hat den Garantiezins in der Lebensversicherung auf 1,75 Prozent gesenkt. Die Inflationsrate liegt derzeit bei 1,9 Prozent. Wie lässt sich da noch eine Lebensversicherung verkaufen?

Trotz des schwierigen Umfelds haben wir 2011 beim Neugeschäft mit Lebensversicherungen mit laufenden Beiträgen einen deutlichen Zuwachs erreicht. Lebensversicherungen sind immer noch der beste Baustein, um Lücken in der Altersvorsorge zu schließen. Richtig ist: Wir dürfen uns im Vertrieb nicht nur auf die Garantie-Verzinsung alleine, sondern auf die Rendite inklusive Überschussbeteiligung konzentrieren. Entscheidend für die Bewertung ist allerdings die Inflationsrate. Liegt sie wie derzeit unter zwei Prozent, dann ist auch eine Gesamtverzinsung von vier bis fünf Prozent, wie sie heute erreicht wird, attraktiv. Die Zeiten von Marktrenditen von sieben oder acht Prozent sind vorbei.

Ganz konkret: Warum sollte heute noch jemand eine Police abschließen?

Die Lebensversicherung bietet eine langfristige Garantie für eine Renditeentwicklung. Neben den Garantiezinsen gibt es auch eine Überschussbeteiligung. Der entscheidende Vorteil der Lebensversicherungen liegt aber im langfristigen Anlagehorizont. Dadurch können wir auf die gesamte Laufzeit höhere Renditen erzielen. Außerdem bieten Lebensversicherungen je nach Ausgestaltung auch einen Schutz für den Todesfall und finanzielle Sicherheit für die Hinterbliebenen.

Als Lebensversicherer ist die Allianz auf sichere Anlagen angewiesen. Nach den Erfahrungen der Euro-Krise – gibt es überhaupt noch sichere Anlagen?

Sicherheit und Rendite müssen immer gemeinsam betrachtet werden. Durch einen breiten Anlagemix erzielen wir eine hohe Rendite und gewährleisten zugleich Sicherheit. Hundertprozentige Sicherheit für eine einzelne Anlage hat es bisher schon nicht gegeben – und wird es nicht geben. Manchem Anleger ist dies erst in der Krise klar geworden.

Stichwort Kfz-Versicherung: Die Allianz hat in Deutschland die Marktführerschaft an die HUK Coburg verloren. Wie wollen Sie wieder die Nummer 1 werden?

Wir haben die Marktführerschaft nicht verloren. Bei den Prämien sind wir eindeutig Spitzenreiter.

Bei der Zahl der Policen sind Sie allerdings nur Nummer 2.

Das bestreite ich nicht. Entscheidend ist jedoch, wie wir in der Autoversicherung weiter wachsen können.

Wie wollen Sie zulegen, wenn nicht über den Preis?

Wir setzen auf ein modulares Versicherungskonzept. Ziel ist es, den Kunden eine möglichst passgenaue Versicherung anzubieten. Damit zahlen sie nur für den Versicherungsschutz, den sie auch benötigen. Der Kunde spart sich also teure Extras.

Zum Beispiel?

Die Kunden können sich etwa für oder gegen den sogenannten Rabattschutz entscheiden – also, wie stark nach einem Unfall die Prämien steigen. Eine weitere Zusatzleistung ist zum Beispiel der Mietwagenservice nach einem selbst verschuldeten Unfall.

Mit der Kfz-Versicherung in Deutschland hat die Allianz 2011 rote Zahlen geschrieben. Wann rechnen Sie mit Gewinnen?

Dafür gibt es keinen konkreten Zeitplan. Klares Ziel ist aber die Profitabilität in der Autoversicherung.

Welche Bedeutung gewinnt der Vertrieb im Internet? Kritiker beklagen, die Allianz habe die Entwicklung verschlafen.

Da muss ich entschieden widersprechen. Wir haben bereits über 600 000 Kfz-Versicherungen, die über das Internet abgeschlossen wurden. Damit gehören wir zu den größten drei Anbietern von Internetversicherungen im Kfz-Bereich in Deutschland. Wir vertreiben im Internet über zwei Kanäle: Wir haben unsere eigene Marke Allsecur. Und es gibt das Angebot „Allianz Auto Online Service“, das über die Internetseiten unserer Vertreter abgeschlossen wird.

Das Versicherungsgeschäft im Internet wächst. Wie stark schmerzt das die Allianz-Vertreter vor Ort?

Die Vertreter wissen genau, dass sie sich diesem Trend nicht verschließen können. Jede zweite Versicherung wird heute im Netz recherchiert. Die große Mehrheit unserer Kunden will ihren Vertrag aber weiterhin persönlich abschließen. Ich denke, dass dies auch weiterhin gilt.

Die Allianz Deutschland schwächelt seit Jahren im Sachversicherungsgeschäft. Wo wollen Sie konkret sparen?

Beim „Zukunftsprogramm Sachversicherung“ geht es nicht alleine um Einsparungen. Das Programm besteht aus drei Komponenten: Erstens wollen wir in der Sachversicherung kräftig wachsen. Dazu investieren wir bis 2014 rund 70 Millionen Euro in neue Produkte und Vertriebskanäle. Zweitens wollen wir das Schadenmanagement effizienter gestalten. Und drittens sollen rund 400 Stellen über die nächsten Jahre in den Hauptverwaltungen abgebaut werden. Durch das geplante Wachstum kommen allerdings neue Stellen hinzu. Insgesamt bleibt die Zahl der Mitarbeiter vermutlich stabil.

Ab Ende Dezember dürfen Versicherer für Neuverträge nur Unisex-Tarife anbieten – also keine Unterschiede zwischen Mann und Frau. Wer ist Gewinner, wer Verlierer?

Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Es gibt sowohl Gewinner als auch Verlierer. Ich kann nur empfehlen, sich frühzeitig beraten zu lassen. Die Änderungen betreffen aber nur Neuverträge.

Sie haben sich stets gegen Unisex-Tarife gewehrt.

Die private Versicherungswirtschaft basiert darauf, dass sie Risiken möglichst genau abschätzt. Dazu gehört bei Lebensversicherungen natürlich die Lebenserwartung – und diese hängt vom Geschlecht ab. Frauen leben statistisch länger als Männer. Wenn wir jetzt so tun müssen, als ob Frauen und Männer gleich lange leben, dann ist das für uns als Versicherer sehr unbefriedigend. Wir werden das Urteil des Europäischen Gerichtshofs aber natürlich fristgerecht umsetzen. In der Lebensversicherung bieten wir schon jetzt einen Übergangstarif an, so dass bei uns niemand auf Unisex warten muss.

Stichwort private Krankenversicherung (PKV): Angesichts der steigenden Prämien wächst auch in der Union die Kritik. Ist die PKV-Vollversicherung ein Auslaufmodell?

Nein. Ich halte die private Krankenversicherung für zukunftsfähig. Sie wächst jedes Jahr um rund 75 000 Mitglieder. Das allein beweist: Die PKV ist kein Auslaufmodell.

Vor allem ältere Versicherte fürchten, dass sie sich künftig die Prämien nicht mehr leisten können. Rechnen Sie mit weiteren kräftigen Beitragserhöhungen?

Die starken Beitragssteigerungen gab es vor allem in den Einsteigertarifen. Das betrifft nur einen äußerst kleinen Teil der Versicherten. Natürlich streben wir möglichst stabile Beiträge an. Dabei nutzen wir auch die sehr komfortabel ausgestattete Kapitalrücklage, um Beitragssteigerungen im Alter zu begrenzen. Allerdings steigen die Kosten im Gesundheitswesen.

Interview: C. Maier und S. Habit

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