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Allianz-Chef Markus Riess im Interview mit dem Münchner Merkur.  

Interview mit Markus Riess

Allianz-Chef: Vollgas bei der Digitalisierung

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München - Mehr als jeder vierte Bayer ist bei der Allianz versichert. Milliardensummen an Beiträgen fließen jedes Jahr in die Policen – vor allem in die Lebensversicherung, dem liebsten Anlageprodukt der Deutschen. Wir sprachen mit Markus Rieß, dem Chef der Allianz Deutschland AG, über die Zukunft der Lebensversicherung, selbstfahrende Autos und Online-Investitionen.

In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Allianz-Kunden gesunken. Haben Sie 2014 den Kundenschwund gestoppt?

Wir konsolidieren gerade das Geschäftsjahr 2014. Daher kann ich noch keine abschließende Aussage treffen. Ich gehe aber davon aus, dass wir 2014 einen Nettokundenzuwachs über alle Sparten erreichen konnten.

In welchen Bereichen haben Sie bisher am meisten Kunden verloren?

Nur im Schaden- und Unfallbereich. In der Kranken- und in der Lebensversicherung hatten wir in den letzten Jahren einen Kundenzuwachs. In der Autoversicherung sind wir relativ stabil. Ich denke, dass wir auch im gesamten Schaden- und Unfallbereich in der Zukunft wieder positive Zahlen schreiben. Ob das 2014 schon gelungen ist, kann ich jetzt noch nicht sagen.

Wie entwickelt sich das Geschäft in der Lebensversicherung?

Sehr positiv. Bei den Zahlen bis Ende September 2014 hatten wir einen deutlichen Zuwachs bei den Beiträgen, den Verträgen und auch den Kunden. Wir haben die Gesamtverzinsung für 2015 im klassischen Bereich auf 4,0 Prozent festgelegt, für unser Vorsorgekonzept Perspektive auf 4,3 Prozent. Damit setzen wir ein starkes Zeichen.

Welchen Anteil am Neugeschäft haben die Perspektive-Policen?

Jeder dritte Kunde unserer Vertreter entschied sich in den ersten neun Monaten 2014 in der privaten Altersvorsorge für einen Perspektive-Vertrag. Auch im Oktober und November wurden diese Zahlen bestätigt. Rechnet man auch unsere anderen Produkte mit neuen Garantiestrukturen mit ein, so kommen wir in der privaten Altersvorsorge schon auf einen Neugeschäftsanteil von deutlich über 50 Prozent. Diese Produkte bieten eine höhere Renditechance, ohne die Kernversprechen der Lebensversicherung aufzugeben – also der garantierte Erhalt der eingezahlten Beiträge und eine lebenslange Mindestrente. Das kommt gut an.

Ist mit diesem neuen Konzept das Lebensversicherungsgeschäft auch in der anhaltenden Niedrigzinsphase krisenfest?

Natürlich wird es kein Produkt geben, das sich von der Zinsentwicklung vollständig abkoppeln kann. Je niedriger die Zinsen am Kapitalmarkt sind, desto größer sind die Auswirkungen auf langfristige Sparprodukte. Dennoch: Ich halte Perspektive für ein überlegenes Konzept, um auch in schwierigen Kapitalmarktphasen gute Ergebnisse zu erzielen.

Allerdings raten viele Verbraucherschützer mittlerweile von einer Lebensversicherung als Altersvorsorge ab.

Abraten ist einfach. Aber die Verbraucherschützer haben keine Alternative anzubieten. Die Frage ist: Wie soll man für sein Alter vorsorgen? Ich selbst mache den Großteil meiner Altersvorsorge mit Lebensversicherungsprodukten. Ich bin davon überzeugt, dass ein kapitalmarktorientierter, langfristiger Ansparprozess die besten Chancen bietet. Dadurch, dass bei der Lebensversicherung so langfristig angespart wird, kann die Versicherung zum Vorteil der Kunden auch langfristig investieren – zum Beispiel in Infrastruktur. Das kann kein normaler Fonds, kein Sparplan, kein Umlageverfahren.

Sie haben Investments in Infrastruktur angesprochen. Ist das ein neuer Anlagetrend – aus Mangel an Alternativen?

Wir sind weltweit bereits seit 2005 in Infrastruktur und erneuerbare Energien engagiert, denn diese Investments passen sehr gut zu unserem Geschäftsmodell. Derzeit sind wir mit der Politik im Gespräch. Im Verkehrsministerium beispielsweise gibt es sehr konkrete Überlegungen, den Ausbau des Straßenverkehrsnetzes auch privat zu finanzieren. Nun muss man die Details abwarten.

Wann wird es die ersten Infrastrukturprojekte geben?

Das beginnt hierzulande hoffentlich in absehbarer Zeit. Der Bedarf ist da und ich denke, das wäre eine echte Win-Win-Situation. Wir brauchen in Deutschland mehr Infrastruktur-Investitionen, die nicht alle vom Staat kommen können. Die Allianz ist immer auf der Suche nach solchen Projekten.

Die Allianz hat 2014 ein Digitalisierungs-Programm gestartet. Mit der Autoversicherung ging das erste Produkt online. Kunden können eine Police im Internet abschließen – haben aber bei Bedarf weiterhin einen Versicherungsvertreter als Ansprechpartner. Wie ist das Programm angelaufen?

Wir haben uns bereits 2006 entschieden, unsere gesamten hausinternen Prozesse zu digitalisieren. Seit vergangenem September treten wir nicht nur intern, sondern auch gegenüber unseren Kunden verstärkt digital auf. Außerdem können Kunden jetzt direkt online eine Autoversicherung abschließen. Unsere Strategie ist aber darauf ausgerichtet, nicht nur den Direktmarkt zu bedienen. Wir wollen das neue Kundenverhalten mit unseren Agenturen vernetzen. 99 Prozent unserer Vertreter haben bereits professionelle Allianz Vertreter-Homepages. Wer heute auf allianz.de geht, und eine Autoversicherung durchrechnet, kann an vielen Stellen auf Vertreter zurückgreifen. Man kann aber auch direkt abschließen.

Ist das dann günstiger? Schließlich fällt beim Direktabschluss keine Provision an.

Nein. Bei uns gilt: gleiches Produkt, gleicher Preis – unabhängig vom Vertriebsweg. Wer sich allein am Preis orientieren will, kann bei unserem Direktversicherer AllSecur – in den meisten Fällen – günstiger abschließen, erhält aber keine persönliche Betreuung. Wer auf allianz.de abschließt, hat immer Anspruch auf Service. Es gibt viele Kunden, die wollen zwar keine Beratung beim Abschluss, aber wenn sie einen Unfall haben, möchten sie doch auf einen Vertreter zurückgreifen.

Wird durch die Digitalisierung Ihr Vertreternetz schrumpfen?

Ich denke, unser Vertreternetz wird dadurch wachsen. Wachstum im Sinne von mehr Kunden und mehr Prämieneinnahmen. Die Vertreter können sich digital besser vermarkten. Neue Wege der Kommunikation – wie zum Beispiel Videotelefonie – sind im Kommen. Wir haben also eine Geschäftsverbreiterung für unsere Vertreter, arbeiten zudem parallel auch an effizienzsteigernden Maßnahmen. Bei der Anzahl der Vertreter rechne ich deshalb insgesamt nicht mit Wachstum, sondern mit Stabilität.

Sie wollen künftig alle Produkte im Internet anbieten. Welche Produkte gehen 2015 online?

Wir wollen bis Ende 2016 alle wesentlichen Produkte online gestellt haben. Wir haben mit dem begonnen, was die Menschen heute schon online stark recherchieren. Das ist vor allem die Autoversicherung. Es folgen die Risikolebensversicherung, die private Schaden- und Unfallversicherung und die Krankenzusatzversicherung. Um das zu schaffen, investieren wir zusätzlich zu dem bisherigen Budget in Höhe von 100 Millionen Euro über die nächsten drei Jahre weitere 80 bis 100 Millionen Euro in digitale Auftritte.

Reagieren Sie mit der Digitalisierung auf neue Konkurrenz? Es gibt Gerüchte, dass Google in den Versicherungsmarkt einsteigen will.

Die Gerüchte zu Google gibt es seit Jahren. Aber es ist richtig. Der Markt verändert sich. Und natürlich wollen wir als Marktführer in der Versicherung auch den digitalen Markt besetzen.

Kommen wir zu einem anderen Zukunftsthema: Autonomes Fahren ist bereits heute technisch möglich. Wird die Allianz Versicherungsschutz für selbstfahrende Autos anbieten?

Ja, wir werden auch selbstfahrende Autos versichern. Es sind aber noch eine Reihe von rechtlichen Problemen ungeklärt. So darf ein selbstfahrendes Auto momentan nur fahren, wenn man die Systeme jederzeit abschalten kann. Im Moment ist es so, dass wir eine Halterhaftung haben. Das bedeutet, dass ein Verkehrsopfer auch bei einer Schädigung durch ein selbstfahrendes Fahrzeug geschützt ist. Bleibt die Frage, welchen Anteil an der Haftung später der Halter, der Nutzer und die Automobilhersteller haben. Diese Fragen zu beantworten, wird noch einige Zeit dauern. Bis das autonome Fahren alltäglich wird, wird wohl noch mindestens eine Dekade vergehen.

Wird mit dem autonomen Fahren die Zahl der Unfälle sinken?

Die Schadensfrequenz nimmt momentan ab. Das hat maßgeblich mit moderner Sicherheitstechnik wie autonomen Notbremssystemen zu tun. Ich vermute, dass mit dem autonomen Fahren die Frequenz weiter sinken wird.

Wird die Autoversicherung dadurch günstiger?

Wenn man über die Prämienkalkulation nachdenkt, muss man sich vergegenwärtigen, dass 40 Prozent der Schäden nicht bei der Fahrt, sondern beim Ein- und Ausparken und beim Rangieren passieren. Moderne Technik wird künftig helfen, die Anzahl der Unfälle zu reduzieren. Passiert dennoch etwas, wird der Schaden zunehmend teurer, weil automatisierte Fahrzeuge teure Sensoren eingebaut haben. Die Reparatur kostet dann deutlich mehr als früher. Wir haben damit also weniger Unfälle, aber der einzelne Rangierunfall wird möglicherweise viel teurer. Nur weil das automatisierte Fahren die Unfallfrequenz senkt, heißt das nicht automatisch, dass die Autoversicherung billiger wird.

In der Autoversicherung bieten einige Versicherer Telematik-Tarife an, bei denen sich der Beitrag am Fahrverhalten orientiert. Wann gibt es solche Tarife bei der Allianz?

Wir beobachten diesen Trend. Nach meiner Kenntnis gibt es solche Tarife bisher vor allem in Amerika. Man muss hier vieles berücksichtigen. Erstens die Datenschutzsensitivität der Kunden, die in Deutschland überdurchschnittlich stark ausgeprägt ist. Eine Frage, die sich stellt, ist: Wem gehören die Daten? Ich meine, die Daten gehören dem Kunden. Zweitens die Technik: Es gibt fest verbaute Telematik-Systeme und entsprechende Smartphone-Apps. Wenn man etwas zu versicherungsmathematischen Zwecken nutzen möchte, braucht man Exaktheit. Nach dem heutigen Stand der Technik kommt man an fest eingebauten Systemen nicht vorbei. Die sind nicht billig. Außerdem muss es Standards geben. Für mich ist noch offen, wie stark sich dieser Markt in Deutschland überhaupt entwickeln wird.

Auf dem Allianz-Campus in Unterföhring arbeiten 6600 Menschen. Gerade bauen Sie ein neues Gebäude, kürzlich wurde das Swiss-Re-Gebäude nebenan gekauft. Für wie viele Mitarbeiter schaffen Sie Platz?

Wenn alle Gebäude Ende 2016 fertig sind, werden wir auf dem Campus auf rund 8500 Arbeitsplätze kommen. Dadurch, dass relativ viele unserer Mitarbeiter in Teilzeit arbeiten, wird der Campus Arbeitsplatz für rund 10500 Menschen sein. Wir ziehen im Moment die noch im Münchner Stadtgebiet verbliebenen kleineren Standorte auf dem Campus in Unterföhring zusammen.

Soll der Campus danach noch weiter wachsen?

Es gibt hierzu derzeit keine Planungen, auch wenn es auf dem von der Swiss Re erworbenen Grundstück noch Baureserven gibt.

Interview: Manuela Dollinger, Corinna Maier

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