Alstom "die Lunte am freien Markt"

- München - Der französische Staatsdirigismus hat einmal mehr zugeschlagen. Der verlustreiche Technikkonzern Alstom bekommt Subventionen, der Staat beteiligt sich an dem Privatunternehmen und die EU-Kommission - sonst auf fairen Wettbewerb sehr bedacht - nickt das ganze Vorgehen ab. Aus dem Rennen ist der Konkurrent Siemens, der an Teilen von Alstom ein Interesse hat.

Nun hängt die Sanierung des französischen Industriekonzerns Alstom an den Banken. Nach der Einigung mit der EU-Kommission hatte Wirtschafts- und Finanzminister Nicolas Sarkozy mit den sieben französischen Gläubigerinstituten gesprochen. Die Geldhäuser sollen dem Sanierungsplan zufolge bis zu 700 Millionen Euro Darlehen in Eigenkapital verwandeln, mit bis zu acht Milliarden Euro Garantien die Finanzierung der Alstom-Geschäfte in den kommenden Jahren sichern und eine Kapitalerhöhung mit bis zu einer Milliarde Euro garantieren. Die drei Großbanken BNP Paribas, Crédit Agricole-Crédit-Lyonnais und Société Générale haben bereits zugestimmt.

Während die Liberalisierung in Deutschland und in einer Reihe von anderen Ländern der Europäischen Union schon recht fortgeschritten ist, mauert Frankreich, um die ausländische Konkurrenz im eigenen Land kurz zu halten. Gleichzeitig fördert das Land, aus dem der Merkantilismus stammt, die Interessen seiner Exporteure mit aller Kraft und versucht gezielt, strategische Positionen in internationalen Gremien und multinationalen Konzernen zu besetzen.

"Mit jedem Tag ärgere ich mich mehr über unseren französischen Freund", sagte Reinhard Dörfler, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern, unserer Zeitung.

"In Frankreich fährt kein einziger ausländischer Zug, hier kann sich Connex rumtreiben, wie es will", fügte Dörfler hinzu. Die Umwandlung Alstoms zu einem halbstaatlichen Unternehmen sei frech: "So kann es in Europa nicht weitergehen." Was in Frankreich passiert, lege "die Lunte am freien Markt in Europa".

Alstom ist kein Einzelfall. Kurz zuvor schluckte der kleinere französische Konzern Sanofi das deutsch-französische Unternehmen Aventis. Während französische Energieunternehmen hierzulande frei agieren, gibt es kein deutsches Unternehmen, das jenseits des Rheins Fuß fassen konnte. Überrascht nehme man zur Kenntnis, mit welcher Brutalität Franzosen in Gemeinschaftsunternehmen und Europa-Behörden strategische Positionen besetzten. "Die schicken in die EU nur ihre besten Leute", sagte Dörfler. Die deutsche Politik sei dagegen lahm. Während der französische Staat offensiv nationale Unternehmen unterstütze, gebe man in Deutschland kleinlaut bei. Das müsse sich laut dem IHK-Mann ändern: "Wir haben auch unsere Interessen."

Auch Bayerns Wirtschaftsminister Otto Wiesheu hält das Vorgehen der Franzosen für "ordnungspolitisch problematisch. Im Zeitalter eines vereinten Europas ist das nicht korrekt", sagte er auf Nachfrage. Der Politiker sieht vor allem die deutschen Interessen schlecht vertreten. "Gutgläubig" habe die Bundesregierung im Fall Sanofi zugeschaut und "traumselig" im Fall Alstom reagiert: "Die verschlafen das und lassen sich die Butter vom Brot nehmen. Ein schweres Versäumnis." Ähnlich habe man sich schon bei Chemie-, Pharmazie-, Energie-, Raumfahrt und Rüstungsunternehmen verhalten. Wenn der Bund rechtzeitig hinter den Kulissen die Themen angepackt hätte, hätte er die deutschen Interessen ohne öffentliche Turbulenzen auch lösen können, glaubt Wiesheu.

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