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Im Alter wird das Geld knapp. Denn die Bundesbürger sparen zwar nach wie vor, doch sie bilden damit kein Vermögen mehr. Schuld sind die dauerhaften Niedrigzinsen.

Interview zu Niedrig-Zinsen

Experte warnt: Im Alter fehlen zehntausende Euro

Frankfurt – Deutlich wie kaum ein anderer Experte warnt Hans Joachim Reinke vor den Folgen der niedrigen Zinsen. Zwei Drittel der Bundesbürger setzen bei der Geldanlage immer noch auf Sparbuch und Tagesgeld. Für den Chef der Union Investment eine alarmierende Entwicklung.

Herr Reinke, Sie warnen vor dramatischen Folgen für die Altersvorsorge, sollten die Anlagezinsen weiter so niedrig bleiben. Was befürchten Sie?

Das Sparverhalten der Deutschen mit Sparbuch oder Festgeld hat sich in der Vergangenheit bewährt und über Generationen etabliert. Aufgrund der extrem niedrigen Zinsen greifen dieses alte Muster nicht mehr. Die Deutschen sparen zwar immer noch viel, sie bilden aber kein Vermögen mehr.

Unterschätzen die Bundesbürger die Konsequenzen?

Unserem aktuellen Anlegerbarometer zufolge sehen 69 Prozent der Deutschen keinen Grund, ihre Geldanlage im Niedrigzinsumfeld zu überdenken. Das ist alarmierend, weil zwei Drittel der Bundesbürger die Dramatik des Niedrigzinsumfeldes offensichtlich noch nicht realisiert haben oder für sich keine Alternative sehen. Die niedrigen Zinsen bedrohen langfristig den hart erarbeiteten Wohlstand insbesondere der Mittelschicht. Nur wer sein Sparverhalten anpasst und sein Geld ausgewogener anlegt, wird sein Vermögen vermehren und seinen Lebensstandard sichern können.

Sorgen die Bundesbürger „falsch“ für das Alter vor?

In der Tat. Nach wie vor sind vier von fünf Euro zinslastig angelegt. 81 Prozent des deutschen Geldvermögens liegen in Einlagen, festverzinslichen Wertpapieren oder kapitalbildenden Versicherungen. Eine Verteilung über verschiedene Anlageklassen findet in der Breite nicht statt.

Der beste Verbündete des Sparers, der Zinseszinseffekt, sei ihm abhandengekommen. Was heißt das?

Die Zinsen sind seit den 1980er Jahren laufend gefallen. Bis Ende des letzten Jahrzehnts hatte ein Sparer, der sein Geld in eine zehnjährige Bundesanleihe anlegte, auch nach Abzug der Inflation noch einen satten Nettozins erzielt. Diese Ersparnisse konnte man liegenlassen, so dass sie sich laufend weiterverzinsten. Dies geht heutzutage nicht mehr.

Was droht etwa einem 40-Jährigen, der heute 100 Euro pro Monat in einen Zins-Ansparplan steckt?

Wenn ein heute 40-Jähriger im Jahr 2004 mit diesem Sparplan begonnen hätte, so hätte er bei seinem Renteneintritt im Jahr 2041 nach damaligen Zinssätzen mit einem Vermögen von 122 000 Euro kalkulieren dürfen. Mit der Fortschreibung der heutigen Zinssätze käme er nur noch auf 67 000 Euro.

Wie lange – oder anders gesagt um wie viele Jahre weniger – würde das Geld für seine Rente reichen?

Würde er sich 700 Euro pro Monat auszahlen lassen, dann wäre sein Vermögen ursprünglich erst im Jahr 2065 vollständig aufgezehrt gewesen. Er wäre dann 91 Jahre. Mit den heutigen Zinsen wäre das Vermögen schon mit 75, also 16 Jahre früher aufgebraucht.

Wie hoch ist die Einbuße durch das aktuell niedrige Zinsniveau im Vergleich zu normalen Zinsphasen?

Im oben genannten Beispiel sind es 55 000 Euro und damit rund 45 Prozent weniger, als man vor der Niedrigzinsphase erwarten durfte.

Wie sehen die Alternativen aus?

An chancenreicheren Investments führt kein Weg vorbei. Wir wissen um die Risiko-aversion der meisten deutschen Anleger und bauen ihnen deshalb Brücken mit Fonds, mit Fondssparplänen oder mit fondsbasierten Lösungen für die Riester-Rente.

Die allermeisten Anleger scheuen Aktien. Die Erfahrungen des Crashs und der Internet-Blase von Anfang des Jahrtausends scheinen noch nicht überwunden.

Wir werden aus den Deutschen nicht über Nacht ein Volk von Aktionären machen. Was viele bei ihrer Angst vor Aktien übersehen: Es gab noch nie einen Zeitpunkt, mit dem man mit einem Aktienfondssparplan nach 15 Jahren noch im Minus gewesen wäre. Das gilt für alle Zeiträume, alle Crashs wie 2001 und 2008 mit eingerechnet. Im Zehnjahreszeitraum lag das Verlustrisiko bei einer Wahrscheinlichkeit von elf Prozent – die Möglichkeit, eine Rendite von mehr als fünf Prozent zu erzielen, hingegen bei 53 Prozent. Über einen Zeitraum von 20 Jahren steigt die Wahrscheinlichkeit einer fünfprozentigen Mindestrendite sogar auf 87 Prozent – ohne Verlustrisiko.

Bremst möglicherweise die seit Jahren anhaltende Aufwärtsbewegung an der Börse und die zwischenzeitlich erreichten 10 000 Punkte im Dax? Droht eine Blase?

Nein, es droht keine Blase. Aktien sind auf diesem Niveau auch historisch fair bewertet. Außerdem muss man zwischen dem Deutschen Aktienindex Dax als Performanceindex und dem Kursindex unterscheiden. Beim Performanceindex werden alle Dividenden mit eingerechnet. Nimmt man den reinen Kurs-index, so ist der Dax noch weit von seinen Höchstständen vom Anfang des letzten Jahrzehnts entfernt.

Was muss getan werden, um wieder mehr Vertrauen in die Börse und in Aktien zu gewinnen?

Wir benötigen auch die Unterstützung der Politik. Es wäre sehr wünschenswert, wenn die Aktie in Deutschland nicht ständig steuerlich diskriminiert würde. Es begann mit der Abgeltungssteuer und droht sich nun mit der Finanztransaktionsteuer fortzusetzen. Da nimmt es nicht wunder, dass die meisten Dax-Unternehmen inzwischen mehrheitlich ausländische Eigentümer haben. Eigentlich ein Unding: Die deutsche Wirtschaft ist so stark wie nie zuvor, und die Deutschen partizipieren nicht daran.

Hakt es nicht auch bei Banken, Sparkassen und Volksbanken? Stichwort Beratungsprotokoll. Wird richtig beraten?

Grundsätzlich sind Regelungen im Sinne eines verbesserten Anlegerschutzes sinnvoll. Leider ist „gut gemeint“ oft das Gegenteil von „gut gemacht“. Man denke an die „wesentlichen Anlegerinformationen“ oder die jetzt von Verbraucherschützern ins Spiel gebrachte Risikoampel. Das Beratungsgespräch wird mit immer mehr Informationen und Unterlagen überfrachtet. Dadurch wird der Nutzen für den Anleger nicht erhöht. Stattdessen wird das Beratungsgespräch für die Bank immer teurer, so dass es immer schwerer wird, Fonds zu verkaufen. Bei kleinen Anlagesummen wird oft gar kein Fonds mehr angeboten, das Geld wandert direkt in wenig beratungsintensive Anlageformen wie Tagesgeld und Sparbuch.

Wie sollte ein junger Mensch für das Alter vorsorgen? Lebensversicherung? Investmentfonds? Indexfonds? Aktien?

Er sollte breit diversifizieren, jedoch kann er aufgrund der langen Laufzeiten einen deutlichen Schwerpunkt auf Aktien legen. Eine Einzeltitelauswahl dürfte die meisten Anleger überfordern. Deshalb sollte man generell zu Investmentfonds greifen. Bei Indexfonds muss man wissen, dass man grundsätzlich den Markt nicht schlagen kann, da diese Fonds den Index abbilden und dann noch die Fondskosten abgehen.

Wann sollte ein junger Mensch mit der Vorsorge beginnen?

Je früher, desto besser. Auch mit kleinen Summen kann man ein Vermögen aufbauen. Der Dax hat zurückgerechnet in den letzten 40 Jahren im Durchschnitt jährlich rund sieben Prozent Rendite erzielt. Wenn ein 20-Jähriger nur 50 Euro im Monat in einen Aktienfondssparplan legt und dieser mit nur fünf Prozent rentiert, so wird er mit 67 Jahren über eine Summe von rund 110 000 Euro verfügen können. Bei sieben Prozent wären es schon 205 000 Euro.

Interview: Rolf Obertreis

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