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Umgeben von Alten Meistern: Allianz-Kunstexperte Georg von Gumppenberg auf der Kunstmesse Highlights in der Münchner Residenz.

Kunstversicherung

Ein alter Meister als Geldanlage

München - Das Geschäft mit Kunst floriert. Immer mehr Anleger investieren in Antiquitäten, Porzellan oder alte Meister, um sich vor Niedrigzinsen zu schützen. Kunstversicherer werben um die neue Kundschaft.

Die Hammerschläge durchdringen die Stille. Zwei, drei Schläge – dann sitzt der Nagel. Ein neues Kunstwerk kommt an die Wand. Sein Vorgänger ist verkauft. Auch die Vitrine am Stand gegenüber wirkt übersichtlich. Ein Paar antiker Bronzehirsche hat einen neuen Besitzer gefunden. Das Geschäft mit dem Schönen läuft gut – nicht nur auf der Kunstmesse Highlights in der Münchner Residenz.

„Das Interesse an wertbeständiger Kunst wächst“, sagt Georg von Gumppenberg, Leiter Kunstversicherungen bei der Allianz Versicherungs AG. Antike Vasen, Handschriften aus dem Mittelalter oder Werke von Gerhard Richter locken längst nicht mehr nur Sammler an. Kunst entwickelt sich zunehmend zum Anlageobjekt. Verantwortlich sind die Niedrigzinsen. Da erscheinen acht Prozent Rendite im Jahr – das ist angeblich die durchschnittliche Wertsteigerung bei Kunst – geradezu attraktiv.

„Kunst ist eine schwierige Anlageklasse“, warnt Gumppenberg. Wer sich nicht auskennt, zahlt womöglich überhöhte Preise oder sitzt sogar einer Fälschung auf. Hinzu kommt: Ein Picasso oder ein Rubens lassen sich nicht einfach zu Geld machen. Für solche Meisterwerke müsse sich erst ein Käufer finden, so Gumppenberg. Kunst sei daher überhaupt nur für langfristige Anleger interessant.

Gumppenberg beobachtet den Kunstmarkt in Deutschland seit Jahrzehnten. 1985 kam er zur Allianz, arbeitete 16 Jahre als Kunstsachverständiger und wechselte im Jahr 2000 an die Spitze der Kunstversicherung. Er hat Moden miterlebt („zeitweise wollten alle Biedermeier-Möbel“) und Fälscher-Skandale. Doch was empfiehlt der Kunstexperte neuen Anlegern? „Was zählt, ist ausschließlich Qualität, Qualität, Qualität.“

Was Gumppenberg damit meint, zeigt ein Rundgang über die Kunstmesse in der Residenz. Rund 50 renommierte Händler aus Deutschland und den europäischen Nachbarländern haben sich versammelt. Gumppenberg – dunkelbraunes Sakko, die oberen Hemdknöpfe offen – kennt sie alle. Ein Kopfnicken, ein kurzes Händeschütteln. „Hier bürgt jeder Händler mit seinem Namen“, sagt der 59-Jährige. Und dennoch ist es nicht ungewöhnlich, wenn Käufer Spezialisten mitbringen, die vor Ort das Kunstwerk gründlich prüfen.

Dezente Preisschilder erinnern den Besucher, dass es sich um kein Museum, sondern eine Verkaufsmesse handelt. Und sie zeigen: Kunst muss nicht unbedingt Millionen kosten. Werke des deutschen Fotografen August Sander gibt es ab 4200 Euro. Wenige Meter weiter hängt allerdings der Star der Messe, Pablo Picassos Ölgemälde „Le peintre“, das für 8,5 Millionen Euro angeboten wird.

Für Kunstliebhaber und Versicherungmanager Gumppenberg ist der Messebesuch Pflicht. Gerade das Geschäft mit Privatkunden wächst stetig – zuletzt zwischen 10 und 15 Prozent im Jahr. „Das Risikobewusstsein hat zugenommen“, so Gumppenberg. Dabei geht es nicht nur um eine Entschädigung bei Diebstahl. „Auch Feuer oder Wasserschäden können Kunstwerke für immer zerstören.“

Wer sich bei der Allianz versichern will, braucht allerdings mehr als ein paar historische Fotografien an der Wand. Eine spezielle Kunstpolice gibt es ab einem Versicherungswert von 300 000 Euro. Die Prämie liegt zwischen 2,5 und 3,5 Promille – je nach Kunstwerk und Diebstahlsicherung. Für Kunst im Wert von einer Million Euro sind also zwischen 2500 und 3500 Euro im Jahr fällig. Die Versicherung für zerbrechliches Porzellan liegt eher an der Obergrenze, eine wuchtige Statue ist etwas günstiger. Denn die Versicherung zahlt auch, wenn der Gastgeber das gute Stück vorzeigt und dabei versehentlich fallen lässt.

„Viele unterschätzen auch den Wert ihrer Kunstsammlung“, erzählt Gumppenberg. Als Sachverständiger hat er dutzende Privatsammlungen begutachtet. „Manchmal ist nicht einmal ein Zehntel des Wertes versichert.“ Vor allem Erben würden den Nachlass falsch einschätzen. Wird dann ein Bild gestohlen oder beschädigt, ist der Ärger groß.

Und das Risiko, dass es sich beim Nachlass um eine Fälschung handelt? „Manche Kopie ist fast perfekt“, räumt Gumppenberg ein. „Nur ein Experte kann das erkennen.“ Gumppenberg erinnert sich an einen Fall aus Frankfurt. Ein Ehepaar hatte historische Möbel bei einem renommierten Auktionshaus im Ausland gekauft. Der Sachverständige der Allianz vor Ort zweifelte allerdings an der Echtheit. Doch wer legt sich mit einem Auktionshaus an? Schließlich wurde ein Gutachten in Auftrag gegeben. Das Ergebnis: Die Kommoden waren gefälscht. Das Auktionshaus musste die Möbel zurücknehmen.

Gumppenberg hat an einem Messestand ein winziges Pulverfass in Form einer Schildkröte entdeckt. Auf einem kleinen Etikett steht die Jahreszahl 1620. Gumppenberg fasziniert die handwerkliche Qualität. Und was stellt sich der Kunstexperte in sein eigenes Wohnzimmer? „Ich liebe Porzellan, Silber und Möbel – doch Platz für Neues gibt es eigentlich nicht mehr.“

VON STEFFEN HABIT

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