Altersteilzeit und Insolvenz: Statt Freizeit droht der soziale Abstieg

- München - "Freistellungsphase" ist ein vielversprechendes Wort. Keine Arbeit mehr und doch - unterm Strich - den vollen Lohn. Doch wenn etwas schief geht, kann der vermeintlich sorgenfreie Übertritt in den Ruhestand zum Horror-Trip werden, der herbeiführt, was er verhindern sollte, nämlich den sozialen Strudel der Altersarbeitslosigkeit.

Durch alle Sicherungsnetze ist Christian Stroh (58) aus Grünwald gefallen: Er hat 20 Jahre lang bei Agfa gearbeitet. Das war zunächst einmal die Agfa Gaevert, Teil eines internationalen Konzerns. Dieser zog sich zurück. Nur einen Monat nachdem die Freistellungsphase begonnen hatte, ging Strohs ganze Abteilung an die Agfa-Photo über, mit ihr auch die Altersteilzeitverträge.

Fünf Monate später gab es von dort kein Geld mehr. Das Unternehmen meldete Insolvenz an und stellte die Zahlungen ein. Auch im Arbeitsamt fiel er durchs Raster. Insolvenzgeld bekamen Kollegen, die bis zuletzt gearbeitet hatten. Für Mitarbeiter in der Freistellungsphase gab es das aber nicht.

In der Schlage der Gläubiger weit hinten

Letztlich landete Stroh in der Arbeitslosigkeit (mit 750 Euro weniger im Monat) - ein Schicksal, das gerade die Altersteilzeit verhindern sollte. Nennenswerte Chancen auf einen neuen Job hat er aus Altersgründen nicht mehr. "Ich werde mich wohl damit abfinden müssen", sagt er. Das eigentlich schon verdiente Geld ist derzeit unerreichbar. Zwar war das Unternehmen verpflichtet, für die Freistellungsphase Rückstellungen zu bilden. Doch rechtlich ist Christian Stroh ein Gläubiger unter vielen.

Da Gerichte in der Vergangenheit zu Lasten der Betroffenen entschieden haben, ist er überdies einer, der in der Schlange der Gläubiger sehr weit hinten steht. Aussichten ungewiss. Allenfalls für einen Teil der von ihm längst erbrachten Arbeitsleistung wird er später wohl einmal Geld sehen.

Erst seit einer Gesetzesänderung im Rahmen der Hartz-Gesetze, die 2004 in Kraft trat, sind Unternehmen bei Altersteilzeit verpflichtet, die Rückstellungen - etwa über Versicherungen - so zu bilden, dass für die Betroffenen im Insolvenzfall das verdiente Geld erreichbar ist. Altfälle, deren Vereinbarungen älter sind (der Vertrag von Christian Stroh wurde bereits am 1. April 2002 unterzeichnet), kommen aber nicht mehr in den Genuss der Neuregelung.

Während die Politik bereits gehandelt hat, ist die zuständige Verwaltung noch nicht einmal in der Lage, zuverlässiges Datenmaterial bereitzustellen. Zwar werden bei der Bundesagentur für Arbeit nach Auskunft der Behörde sowohl die Fälle von Altersteilzeit als auch Insolvenzen statistisch erfasst. Da aber beides in unterschiedlichen Datenverarbeitungssystemen geschieht, besteht, so die Auskunft aus Nürnberg, keine Möglichkeit, diese Daten zu verknüpfen. Damit kann keiner sagen, wie viele Menschen durch Altersteilzeit und Insolvenz bislang um die Früchte ihrer Arbeit gebracht wurden.

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