Für Außenstehende ist es ein kaum zu durchdringendes Chaos. Doch jeder Handgriff im Amazon-Logistikzentrum Graben bei Augsburg ist präzise geplant. Über ein Förderband werden Sendungen zum unmittelbar benachbarten Standort der Post-Pakettochter DHL transportiert.

Logistik

Amazon: 45 Bestellungen pro Sekunde

Augsburg - Der US-Versandhändler Amazon will seinen Ruf zurechtrücken und gibt die frühere öffentliche Zurückhaltung auf. Er präsentiert sein Logistikzentrum als regionalen Jobmotor. Früher kritisierte Mängel – etwa im Umgang mit Leiharbeitern –gebe es nicht mehr.

Der erste Eindruck: Die Menschen zwischen den fast endlosen Regalwänden bewegen sich langsam. Wo immer man hinsieht: von Hektik keine Spur. Der Arbeitsdruck, der Amazon immer wieder vorgeworfen wird, ist hier nicht zu spüren. „Wir wollen gar nicht, dass die Leute laufen“, sagt Martin Andersen, General-Manager des Versandzentrums, das der weltgrößte Versandhändler in Graben südlich von Augsburg betreibt. „Weniger Wege stehen für bessere Abläufe.“ Für die Qualität sei Druck auf die Mitarbeiter hinderlich.

Amazon hat zu einem Betriebsrundgang eingeladen, auch um seinen in der Vergangenheit lädierten Ruf als Arbeitgeber zurechtzurücken. Rund 3000 Menschen arbeiten derzeit dort in der gerade beginnenden Hochsaison – dem Vorweihnachtsgeschäft. Die Hälfte davon hat nach zwei Jahren Arbeit in Graben einen unbefristeten Vertrag. Und gerade mal 153 Mitarbeiter sind Leiharbeiter. Das entspricht nicht dem Bild, das Kritiker in der Vergangenheit von Amazon gezeichnet haben. Saisonarbeiter, die in angemieteten Massenunterkünften untergebracht wurden, gibt es jetzt gar nicht mehr. „Auch die Leiharbeiter kommen aus der Region“, sagt Andersen. Die Arbeits- und Lebensbedingungen für Mitarbeiter aus dem Ausland hatten Amazon im Frühjahr in die Kritik gebracht. Damals hat das Unternehmen die Öffentlichkeit gemieden. Jetzt öffnet es seine Tore.

Wer genauer hinsieht, ist verwirrt. Die sogenannten „Stower“, die Waren in den Regalen verstauen, und die „Picker“, die sie wieder herausholen, folgen keinem Plan, der sich Außenstehenden irgendwie erschließt. Auch in den Regalen fällt ein wüstes Durcheinander auf. Spielsachen zwischen Küchengeräten, Schraubendreher zwischen Plüschtieren. „Und Bibeln neben Erotikartikeln“, ergänzt Andersen. Das sei „chaotische Lagerhaltung“. Keine Selbstironie, ein Fachbegriff in der Logistik. Die Stower legen die Waren dabei nicht nach Alphabet oder Eingangsreihenfolge ab, sondern einfach dorthin, wo Platz ist. Per Strichcode-Scanner erfasst das Rechensystem Ware und Ort. Der Picker holt das Gesuchte dort und bringt es zum Sortieren und Verpacken.

Noch etwas fällt auf: Man hört kaum Gespräche zwischen den Mitarbeitern, die in den Gängen ihre Wägen aneinander vorbeischieben. Jeder erledigt konzentriert genau das, was ihm vorgegeben wurde. Ein bisschen wirkt das wie in einem Räderwerk, wo Zähne ineinandergreifen.

Aber was, wenn das Getriebe einmal versagt? Taucht ein Fehler auf, hält der Computer die Arbeit an. Wer ihn jetzt neu hochfährt, um an Schwächen des Systems vorbei zu improvisieren, tut genau das Falsche. „Wir wollen Probleme erkennen, um sie zu lösen“, sagt Andersen. Also wird alles, was schiefläuft, erfasst. Überall auf Tafeln hängen solche Meldungen, die zu Verbesserungen führen sollen. Die fast militärisch präzise Planung sorgt dafür, dass die chaotische Lagerhaltung nicht wirklich im Chaos versinkt. Der Ton aber ist nicht militärisch. Die Mitarbeiter nennen den General-Manager bei seinem Vornamen Martin. „Wir sind hier alle per Du“, sagt er.

Das enge Vorgaben-Korsett ist wohl nichts für Fachverkäufer, die ihr Leben lang Kunden beraten haben, sie überzeugen und dabei viel Eigeninitiative entwickeln mussten – und vielleicht durch den übermächtigen Online-Händler ihren Job verloren haben. Es passt aber gut zu Menschen, die im Berufsleben Tritt fassen wollen. Man sieht viele sehr Junge aber auch eine Menge Ältere, die nach Jahren der Arbeitslosigkeit hier ihre zweite Chance fanden. Man muss nicht viel mitbringen, um hier unterzukommen. So ist Amazon einer der wichtigsten Partner für die Arbeitsagentur in Augsburg geworden.

Der finanzielle Rahmen für einen beruflichen Neustart könnte schlechter sein. 10,40 Euro bekommt der Anfänger pro Stunde. Kein Fall für den gesetzlichen Mindestlohn. Nach zwölf Monaten steigt der Lohn auf 11,80 Euro und nach zwei Jahren auf 12,32 Euro. Doch viele sind da schon längst weiter. Wer anspruchsvollere Aufgaben übernimmt, rutscht schnell auf das Lohnlevel 2 mit immerhin schon 13,61 Euro. Bis zu acht Prozent Bonus und Belegschafts-Aktien gibt’s für alle obendrein. Zwar beginnen alle, die bei Amazon in Graben anheuern, ganz unten. Aber der Weg nach oben ist auch für sie offen. Teamleiter und Area-Manager sind die nächsten Stufen.

Gerade bereitet man sich in Graben auf den wichtigsten Tag des Jahres vor. Es wird der 15. Dezember sein – ein Sonntag, an dem mehr Menschen bei Amazon bestellen werden als an jedem anderen Tag im Jahr. Im letzten Jahr war es der 17. Dezember. Damals kamen 3,9 Millionen Bestellungen rein – 45 in jeder Sekunde. Und einen Tag später waren drei Millionen Sendungen bereits auf dem Weg zu den Käufern.

Von Martin Prem

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