Herrenloses Gepäckstück sorgt für Aufregung: Teile des Hauptbahnhofs abgesperrt

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Öffentlichkeitswirksam präsentieren Konzerne wie die Deutsche Post DHL Paket-Drohnen. Dabei ist ein flächendeckender Einsatz der Mini-Hubschrauber unwahrscheinlich.

DHL und Amazon als Vorreiter

Gibt es eine Zukunft für Liefer-Drohnen?

München - Deutsche Post, Google und Amazon verbreiten die Vision, Pakete künftig mit autonomen Drohnen zuzustellen. Dabei zweifelt die Mehrheit der Logistik-Branche an einem massentauglichen Einsatz der Technik.

Kürzlich startete die Deutsche Post DHL auf der Nordseeinsel Juist ein weltweit einzigartiges Forschungsprojekt: Bei schlechtem Wetter können die Inselbewohner per Drohne mit wichtigen Medikamenten versorgt werden. „Paketkopter“ nennt die Post ihr Fluggerät: Ein unbemannter Mini-Hubschrauber mit vier Rotorblättern und einem Ladevermögen von 1,2 Kilogramm. Bislang ist die Drohne nach DHL-Angaben über zehn Mal im Linienbetrieb geflogen.

„Ich bin sicher, dass wir in wenigen Jahren Dinge erleben werden, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können“, orakelte jüngst Post-Vorstandsmitglied Jürgen Gerdes und zog Vergleiche mit der Erfindung des Automobils. Amazon-Chef Jeff Bezos hatte zuvor erklärt, seine Kunden schon ab 2015 mittels Drohnen beliefern zu wollen. Google forscht im australischen Hinterland an einer Liefer-Drohne und erhofft sich nichts Geringeres als eine „Revolution des Transportwesens“. Öffentlichkeitswirksam präsentieren die Konzerne vor laufenden Kameras ihre Drohnen und lassen sich dafür feiern.

Nur: Die Mehrheit der deutschen Logistik-Branche ist von den Zukunftsphantasien der Konzerne ziemlich unbeeindruckt. „Es ist schwer vorstellbar, dass in Zukunft tausende Drohnen durch die Münchner Innenstadt fliegen und Pakete auf Balkons abwerfen“, frotzelt Martin Frommhold vom Paketdienstleister Hermes. Er bezweifelt, dass Drohnen in absehbarer Zeit ein massentaugliches Instrument der Paketzustellung werden.

Eine ähnliche Position vertreten die Dienstleiter UPS und DPD. Drohnen gibt es in den Firmen keine, auch wenn beide Unternehmen die Entwicklung der Technik mit Interesse verfolgen. Auch der Logistik-Spezialist GLS fährt seine Pakete weiter mit Lieferwägen aus. An Drohnenprojekten arbeite man nicht, heißt es auf Anfrage. Dass autonome Mini-Hubschrauber eines Tages wie Bienen-Schwärme über deutsche Städte herfallen, ist daher höchst unwahrscheinlich. Im Paketzentrum Aschheim nordöstlich von München fertigt die DHL pro Tag immerhin 1,2 Millionen Päckchen und Pakete ab.

„Ich glaube, dass Drohnen lediglich in dünn besiedelten Gebieten eine Rolle spielen werden“, glaubt Hermes-Sprecher Frommhold. Beim Mitbewerber DPD sieht man das ähnlich. Die rechtlichen Hürden für einen regelmäßigen Flugbetrieb sind ohnehin hoch.

Für das DHL-Testprojekt an der Nordsee hat das Bundesverkehrsministerium eigens einen Korridor für die Minidrohne genehmigt. „Denn grundsätzlich darf ein bis zu fünf Kilo schweres unbemanntes Luftfahrtsystem nur im Sichtbereich des Steuerers und 100 Meter über Grund fliegen“, sagt Andreas Miltner von der Deutschen Flugsicherung im hessischen Langen. Modellflieger, Landwirte und Feuerwehrleute müssen ihre Drohnen stets fernsteuern und dürfen sie nicht aus dem Auge verlieren.

Anders die fliegende Apotheke von Juist: Die Drohne steuert ihren 12 Kilometer langen Flug autonom und wird lediglich von einem Bodenkontrollzentrum überwacht. Die Flughöhe liegt knapp über dem Meeresspiegel, der Autopilot übernimmt Starts und Landungen. „Der Flugkorridor liegt in einem temporär eingerichteten Gebiet mit Flugbeschränkungen“, versichert Miltner. Der restliche Flugverkehr dürfe in den Korridor nicht einfliegen. Sowohl für die DHL als auch für die Flugsicherung ist das Projekt auf Juist ein interessantes Forschungsgelände. Vielleicht wird sich zeigen, dass Medizin-Transporte mit kleinen Elektro-Drohnen auf Dauer günstiger sind als kostspielige Hubschrauberflüge.

Aber auch in Bergregionen, wo man seit jeher auf den Transport aus der Luft angewiesen ist, spielen Überlegungen mit Drohnen bislang keine Rolle. Der Deutsche Alpenverein versorgt abgelegene Hütten nach wie vor mit dem Hubschrauber. Hier geht es auch um Lasten, die nicht mehr im einstelligen Kilogrammbereich liegen.

Sollte der große Drohnenverkehr doch eines Tages kommen: Unklar ist wie Päckchen und Pakete an der Haustür angenommen werden sollen. „Niemand weiß, wie die Ladung beim Kunden übergeben werden soll und wie er sich autorisiert“, gibt Miltner zu Bedenken. Bei der Flugsicherung hält man die Drohnen-Visionen aber nicht für gänzlich abwegig: „Zuerst müssten vollautomatische Ausweichsysteme für unbemannte Luftfahrtsysteme entwickelt werden“, sagt Miltner. Es sei möglich, dass in zehn Jahren in einigen Gebieten unbemannte Drohnen regelmäßig fliegen.

Sebastian Hölzle

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