Streit um Arbeitsbedingungen

Amazon lässt „Arbeiter in Wasserflaschen urinieren“ - und muss nach Dementi „Eigentor“ zugeben

  • Anna-Katharina Ahnefeld
    vonAnna-Katharina Ahnefeld
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Der Online-Gigant Amazon steht immer wieder in Kritik. Der Tweet eines US-Politikers löste nun ein peinliches PR-Debakel aus.

Seattle - „Jeff Bezos, der reichste Mensch der Welt, ist in vielerlei Hinsicht ein Symbol für den uneingeschränkten Kapitalismus, den wir heute in Amerika sehen.“ Diese Worte feuerte der progressive Demokrat und Senator von Vermont Bernie Sanders bei CNN gegen Bezos ab. Zuvor war bekannt geworden, dass Sanders den Amazon-Gründer eingeladen hatte, vor dem Haushaltsausschuss des Senats auszusagen. Als Motivation gab er an: „Um dem amerikanischen Volk zu erklären, warum es angemessen ist, dass er eine ganze Menge Geld ausgibt, um den Amazon-Arbeitern in Bessemer, die eine Gewerkschaft gründen wollen, die wirtschaftliche Würde zu verweigern, während er im Verlauf der Pandemie um 78 Milliarden Dollar reicher geworden ist.“ Bezos schlug die „Einladung“ aus.

Amazon ist vom Alptraum des Buchhandels zu einem globalen Handelsgiganten geworden. Bezos, der im Februar bekannt gab, sich von seiner Rolle als CEO zurückzuziehen, machte das zum reichsten Mann der Welt. Dem „Bloomberg Billionaires Index“ zufolge, einer Rangliste der wohlhabendsten Personen des Globus, umfasst sein Vermögen 184 Milliarden US-Dollar. Diesem Reichtum zum Trotz gerät Bezos Online-Versandhandel wegen seiner Arbeitsbedingungen immer wieder in Kritik. Der neueste Skandal wurde vom US-Demokraten Marc Pocan, Abgeordneter im Repräsentantenhaus für den Bundesstaat Wisconsin, losgetreten.

Onlineversandhändler Amazon steht in Kritik: „Arbeiter in Wasserflaschen urinieren lassen“

„Arbeitern 15 US-Dollar pro Stunde zu zahlen, macht sie nicht zu einem ‚fortschrittlichen Arbeitsplatz‘, wenn Sie Gewerkschaften verhindern und Arbeiter in Wasserflaschen urinieren lassen“, reagierte Pocan auf einen Tweet von Amazons Einzelhandelschef Dave Clark. Clark hatte zuvor erklärt, dass das Unternehmen einen „progressiven Arbeitsplatz“ biete.

Amazon antwortete auf seinem Twitter-Account „Amazon News“ zügig auf Pocans Anschuldigung - und wies diese entschieden zurück. Ob Pocan wirklich glaube, dass Mitarbeiter:innen in Flaschen pinkeln müssten, tweetete der Onlineversandhändler. Wenn dem so sei, würde niemand für Amazon arbeiten, lautete die These. Vielmehr habe man weltweit Millionen Mitarbeitende, die stolz auf ihre Arbeit seien und tolle Gehälter und eine Krankenversicherung ab Tag eins hätten. Pocan und andere Twitter-Nutzende argumentierten dagegen. Darunter auch Personen, die angaben, für Amazon zu arbeiten.

Eine Woche später. In einem offiziellen Schreiben bezeichnete Amazon den Tweet als „Eigentor“ - und entschuldigte sich bei dem US-Demokraten. Ihre Angabe sei falsch gewesen und habe sich nur auf Mitarbeitende in Logistikzentren und Lagerhallen bezogen, nicht aber auf die Amazon-Fahrer:innen. Man wisse, dass diese aufgrund ihrer Route und des Verkehrs teilweise Probleme hätten, eine Toilette zu finden - verstärkt noch durch die Corona-Pandemie. Darüber hinaus handele sich um ein weit verbreitetes Phänomen der ganzen Industrie und sei nicht Amazon-spezifisch. Es werde jedoch an Lösungen gearbeitet.

Der Demokrat Pocan befand: „*Seufz* Es geht hier nicht um mich, sondern um eure Arbeiter - die ihr nicht mit ausreichend Würde und Respekt behandelt.“ Und fügte weiter an: „Beginnen Sie damit, die unzureichenden Arbeitsbedingungen anzuerkennen, die Sie für ALLE Ihre Mitarbeiter geschaffen haben, und beheben Sie diese dann für alle und schlussendlich, lassen Sie sie ungestört eine Gewerkschaft bilden.“

Historische Abstimmung über erste Gewerkschaftsvertretung bei Amazon - Auch in Deutschland Proteste

Nach monatelangen Bemühungen um eine Gewerkschaftsvertretung wurde im US-Bundesstaat Alabama über eine erste US-Gewerkschaft bei Amazon abgestimmt. Ein erfolgreiches Votum für eine gewerkschaftliche Vertretung wäre für den Online-Händler eine Zäsur. Amazon lehnt entsprechende Ambitionen entschieden ab. „Ich bin stolz auf die Arbeiter bei Amazon, die aufstehen und sagen: ‚Es reicht‘“, sagte laut Agence France-Press der örtliche Vorsitzende der Einzelhandelsgewerkschaft RWDSU, Joshua Brewer.

RWDSU würde die Angestellten künftig vertreten, sollten sich diese für eine gewerkschaftliche Organisation entscheiden. Der Plan löste landesweite Diskussionen über die Arbeitsbedingungen der Amazon-Mitarbeitenden aus. Gewerkschaftsvertreter Brewer sagte weiter, die „systematischen Probleme“ bei Amazon seien nun offen zutage getreten. Sollte die historische Abstimmung von Erfolg gekrönt seien, könnte sich die Entscheidung einer gewerkschaftlichen Vertretung wie ein Lauffeuer in den zahlreichen Standorten in den USA ausbreiten. Auch US-Präsident Joe Biden ist ein Befürworter von Gewerkschaften.

Doch auch in Deutschland wird Amazon für seinen Umgang mit Angestellten kritisiert. Aus Protest gegen ihre Arbeitsbedingungen legten vor Ostern 2000 Mitarbeiter:innen ihre Arbeit nieder. Aufgerufen dazu hatte die Gewerkschaft Verdi. Die Arbeitnehmervertreter verlangen dabei einen Tarifvertrag des Einzel- und Versandhandels sowie den Abschluss eines Tarifvertrags für gute und gesunde Arbeit. Verdi kritisierte, Amazon verdiene sich aufgrund der Corona-Pandemie - und den damit einhergehenden Schließungen des Einzelhandels - eine „goldene Nase“, seine Mitarbeiter:innen arbeiteten jedoch unter  „permanente(r) Arbeitshetze und Leistungskontrolle“. Eine kürzlich erfolgte Kontrolle von Amazon-Paketzustellern in Köln förderte arbeitsrechtliche Mängel zutage. Darüber berichtete unter anderem der Kölner Stadtanzeiger. Polizei und Zoll hätten 50 Amazon-Angestellte befragt - in 24 Fällen seien Hinweise auf Verstöße wie eine Unterschreitung des Mindestlohns sowie Arbeitens ohne Sozialversicherung bemerkt worden. (aka mit Material von AFP)

Rubriklistenbild: © Tobias Seeliger

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