Ampel soll vor Dickmachern warnen

Berlin - Die Deutschen werden immer dicker. Je älter sie sind und je niedriger die soziale Schicht, umso größer das Übergewicht. Verbraucherschützer setzen sich deshalb für eine bessere Kennzeichnung von Lebensmitteln ein.

Gefordert wird vor allem ein Modell, bekannt als Ampel-Kennzeichnung. Andreas Eickelkamp, Sprecher der Verbraucherorganisation Foodwatch erklärt, warum: "Sie ist einfach, sie ist verständlich". Auf der Vorderseite jeder Packung sei damit farblich zu erkennen, wie viel Fett, gesättigte Fettsäuren, Zucker und Salz in einem Produkt enthalten sind. Grün bedeute, kann reichlich gegessen werden, bei Gelb sollte man in Maßen zugreifen und von Produkten mit roten Punkten sollte man nicht allzu viel essen.

Lebensmittel gut vergleichbar

"Die Farbsymbolik wird von jedem verstanden, auch schon von Kindern", sagt Sabine Schuster-Woldan, Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale Bayern. Die Farben erleichterten zudem einen Vergleich der Produkte untereinander. Welche Chips sind besser für mich, welches Müsli, welcher Joghurt?

In Großbritannien gibt es das System bereits. Die vom Parlament eingesetzte Food Standards Agency (FSA) hat es zunächst auf freiwilliger Basis eingeführt und gedroht, es verpflichtend zu machen, sofern sich die Industrie nicht beteiligt.

Auch das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMLEV) sowie die Europäische Kommission wollen Vergleichbarkeit schaffen. Anfang Februar hat die Kommission einen Vorschlag für eine Verordnung vorgelegt. Bereits im Herbst präsentierte Minister Horst Seehofer zusammen mit Vertretern der Lebensmittelindustrie ein ähnliches Konzept für eine Kennzeichnung. Danach soll ebenfalls angegeben werden, wie viel Fett, Zucker, gesättigte Fettsäuren und Salz in einem Produkt enthalten sind. Doch die Angaben sind freiwillig. Sie beziehen sich auf eine Portion und werden in Prozent der empfohlenen Tageszufuhr angegeben. Wenn eine Portion, zum Beispiel ein Glas Saft, also 20 Prozent der empfohlenen Tageszufuhr an Zucker enthalte, wisse der Verbraucher, dass er mit fünf Gläsern bereits die empfohlene Menge zu sich genommen habe, erklärt BMELV-Sprecher, Hubertus von der Goltz.

Die angegebene empfohlene Tageszufuhr entspreche aber der einer aus Mitteleuropa stammenden Frau, die täglich 2000 Kilokalorien zu sich nimmt. Ein Kind oder Mann bräuchte vielleicht mehr oder weniger des ein oder anderen Nährstoffs, entgegnet Eickelkamp von Foodwatch und hält das Modell für problematisch. Dieses Argument lässt von der Goltz nicht gelten. Die Angaben seien ein guter Anhaltspunkt.

Laut Eickelkamp können Produkte mit den vom Ministerium geforderten Angaben nicht ausreichend verglichen werden. Auf eine farbliche Kennzeichnung wie bei der Ampel wird verzichtet. Also auch auf eine Bewertung, sagt Eickelkamp. Die Ampel-Lösung habe zudem den Vorteil, dass bei ihr nicht von einer Portion, sondern immer von 100 Gramm ausgegangen wird, oder von 100 Milliliter, wenn es sich um ein Getränk handelt. Das mache sie gut vergleichbar. Der BMELV-Sprecher hält die Ampel nicht für geeignet. "Wenn man mit der Ampel arbeitet, können Lebensmittel mit rot gekennzeichnet werden, die zu einer vollwertigen Ernährung dazugehören", sagt der BMELV-Sprecher.

Rot bedeutet nicht "Verzehr verboten"

Butter werde bei Fett immer rot sein, aber nachdem rot nicht bedeute, dass der Verzehr verboten ist, sondern dass das Produkt in begrenzten Mengen genossen werden darf, sei Butter in Ordnung, entgegnet Eickelkamp.

Er geht davon aus, dass einige Hersteller ihre Rezeptur anpassen, wenn ihre Produkte zu rot erscheinen. "Das glauben wir und das hoffen wir", sagt der Sprecher von Foodwatch. "Mit der Ampel wird der Verbraucher erkennen können, dass einige Kinderjoghurts tatsächlich eine Süßigkeit sind. Rezepturen sind zum Teil mit einer Verkaufsstrategie begründet", sagt er. In manchen Kinderjoghurts sei nur deshalb viel Zucker enthalten, weil Kinder ihn gerne mögen.

Industrie befürchtet Diskriminierung

Die Industrie hält die Einteilung in "gute" und "schlechte" Lebensmittel für den falschen Weg. Die Ampel würde eine Diskriminierung einzelner Nahrungsmittel bedeuten, sagte Dietmar Kendziur, Vorsitzender des Bundesverband der deutschen Süßwarenindustrie, am Mittwoch in Berlin. Doch dem könne man mit einer Infokampagne entgegenwirken, erklärt Eickelkamp. Schließlich bedeute die Farbe Rot eben kein Verbot. Seehofer lehnt die Ampel-Kennzeichnung als zu einfach und zu wenig aussagefähig ab. Da wirft Eickelkamp ein, dass die zuletzt publizierte Studie des Bundesforschungsinstituts für Ernährung zutage brachte, dass gute Ernährung auch eine Frage der Bildung ist. In seinen Augen spricht dieses Ergebnis erst recht für die einfache Ampel.

Keine Ausnahme für Kleinpackungen

"Wenn sie verpflichtend wäre, hätte der Verbraucher eine richtig gute Möglichkeit, sich eine ausgewogene Ernährung zusammenzustellen", sagt Eickelkamp. Auch bei der Platzierung dürfe es keine Ausnahmen geben. Kleinpackungen dürften nicht, wie von der Industrie gefordert, von der Regelung ausgenommen werden. Denn das träfe ausgerechnet Snacks und Schokoriegel. "Und um die geht's", betont Eickelkamp.

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