Analyse: Kleinfeld kapituliert im Machtkampf

- München - Klaus Kleinfeld hat wohl schon vor der mit Spannung erwarteten Aufsichtsratssitzung gewusst, dass er den Machtkampf bei Deutschlands größtem Elektrokonzern verloren hat. Die Entscheidung für den Rücktritt sei bereits in den vergangenen Tagen gereift, sagte ein Branchenkenner am Mittwoch.

Zu groß waren die Widerstände auf der Kapitalseite im Aufsichtsrat gegen eine Vertragsverlängerung, und zu schwer wäre Kleinfeld bei einer Verschiebung der Entscheidung beschädigt gewesen. Als sich nun bei der Sitzung im Aufsichtsrat weiterer Widerstand abzeichnete, kapitulierte der 49-Jährige und ersparte sich mit seiner Rücktrittsankündigung eine weitere quälende Führungsdiskussion.

Die Siemens-Mitarbeiter sind zwar seit Bekanntwerden der Schmiergeldaffären schon einiges gewohnt. Dennoch herrschte in der Konzernzentrale am noblen Wittelsbacher Platz nach der Sitzung des Aufsichtsrats auch Überraschung und Betroffenheit. "Viele verstehen es einfach nicht", sagte einer. Die Zahlen seien gut, und eine Verwicklung Kleinfelds in die Schmiergeldaffäre derzeit nicht absehbar. Daher sei für viele unverständlich, warum Kleinfeld nach nicht einmal drei Jahren im Amt gehen müsse.

Auch, wenn zumindest Kleinfeld den Ausgang des Dramas möglicherweise schon kannte: In der Konzernzentrale hatte während der Aufsichtsratssitzung am Nachmittag Hochspannung geherrscht. "Der Ausgang ist wirklich völlig offen", sagte ein intimer Kenner des Konzerns. Eine vergleichbare Aufsichtsratssitzung eines großen Dax- Konzerns hatte es in München zuletzt Anfang 1999 beim Autobauer BMW gegeben. Auf dem Höhepunkt der Rover-Krise galt während einer Aufsichtsratssitzung Vorstand Wolfgang Reitzle kurzzeitig schon als neuer Vorstandschef. Am Ende der Sitzung musste Reitzle ebenso gehen wie der damalige Konzernchef Bernd Pischetsrieder. Der Tag ging als "Schwarzer Freitag" in die Geschichte von BMW ein.

Linde-Chef Reitzle spielt nun auch bei der Nachfolge-Diskussion eine Schlüsselrolle. Trotz eines Dementis von Linde wird sein Name immer wieder genannt. Schließlich hat Reitzle den einstigen Mischkonzern Linde zum weltgrößten Gasehersteller geformt und sich so zum Liebling der Kapitalmärkte gemacht. All das gelang ihm weitgehend im Einklang mit den Arbeitnehmervertretern, was bei Siemens eine Grundvoraussetzung für einen Neuanfang ist. Ob aber Reitzle auch den Koloss Siemens mit all seinen aktuellen Problemen so gut führen kann, bezweifeln manche. Sie weisen zudem darauf hin, dass der ehrgeizige Linde-Chef im vergangenen Jahr in etwa doppelt so viel verdient hat wie Kleinfeld. Bei einem Wechsel müsste der Luxus-Anhänger wohl erhebliche Gehaltseinbußen hinnehmen. dpa ax yyby a3 pi 251852 Apr 07

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