Ein Angebot nur für jeden Zehnten

- München - Arbeitslose wie Michael Welzel dürften BA-Chef Frank-Jürgen Weise am liebsten sein. Statt sich mit seinem Schicksal abzugeben, machte sich der PR-Experte selbstständig, gründete eine Ich-AG und hat inzwischen die ersten Aufträge. Doch Erfolge wie bei Welzel sind die Ausnahme. Seit dem Start der Arbeitsmarktreform Hartz IV Anfang Januar ist die Arbeitslosigkeit auf Rekordhöhe geklettert - die 100-Tage-Bilanz der Reform fällt mäßig aus.

<P>Große Erwartungen wurden an die "Jahrhundert-Reform" gestellt. Mit der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe wollte Rot-Grün endlich die Massenarbeitslosigkeit in den Griff bekommen. "Fordern und Fördern", lauten die Schlagworte. Bisher ist allerdings nur das "Fordern" umgesetzt - viele Langzeitarbeitslose müssen seit Januar mit deutlich weniger Unterstützung auskommen.<BR><BR>Dass das "Fördern", also die Vermittlung, zu kurz kommt, weiß auch BA-Chef Weise: "Wir müssen alle Ressourcen einsetzen, um Menschen wieder in Arbeit zu bringen." Bisher habe sich die Mammut-Behörde zu sehr darauf beschränkt, Geld auszuzahlen und über Leistungsansprüche zu informieren. Zunächst will sich Weise auf die Vermittlung von arbeitslosen Jugendlichen konzentrieren. Dafür stehen der BA rund sieben Milliarden Euro allein in diesem Jahr zur Verfügung (siehe Kasten).<BR><BR>Auf Eigeninitiative setzt die BA dagegen bei Arbeitslosen wie Michael Welzel - intern "Marktkunden" genannt. Sie gelten als gut ausgebildet, engagiert und haben die besten Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Doch auch für "Marktkunden" ist es immer schwieriger, einen Job zu finden. Zwei Jahre war PR-Experte aus München arbeitslos, als sich im Sommer 2004 aufgrund eines Artikels in unserer Zeitung ein potenzieller Kunde meldete: Ein Arzt aus Mühldorf plante einen medizinischen Notdienst auf der griechischen Insel Korfu. Um sein Projekt bekannt zu machen, suchte er jemanden für die Pressearbeit. Aus dem Anruf wurde Welzels erster Auftrag. Seit November bezieht der 38-Jährige Ich-AG-Förderung - 600 Euro im Monat. Weil das zum Leben nicht reicht, fährt Welzel nebenbei ein Stadtmagazin aus. Obwohl er erst am Anfang steht, bereut der PR-Experte den Schritt in die Selbstständigkeit nicht: "Jetzt habe ich wenigstens eine Perspektive."<BR><BR>Darauf hoffen Millionen Arbeitslose dagegen vergeblich. Vor allem in Ostdeutschland fehlen offene Stellen. "Als Bundesagentur haben wir ein sehr undankbares Geschäft", räumt Weise ein. Höchstens jedem zehnten Bewerber könne die BA derzeit ein passendes Angebot machen. Dennoch gebe es auch Erfolge. So sei die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit von 248 Tagen (2003) auf 239 (2004) gesunken. "Dies hat uns immerhin rund 500 Millionen Euro gespart", sagt Weise.<BR><BR>Von einem Erfolg will Irmgard Ernst, Sozialpädagogin im Arbeitslosenzentrum Malz in München, noch nicht sprechen. Rund 80 Anfragen zu Hartz IV bekommt sie pro Woche - meist Beschwerden: "Die Mitarbeiter der Arbeitsagentur sind heillos überlastet." Statt zu vermitteln, würden sie weiterhin mit der Auszahlungs-Software kämpfen. Außerdem seien die Sachbearbeiter kaum zu erreichen. Für Betroffene eine Katastrophe: "Ein ehemaliger Sozialhilfeempfänger hatte Ende Februar immer noch kein Geld von der BA auf dem Konto", erzählt Ernst. Weil niemand zu erreichen war, dauerte es Wochen, bis der Fall geklärt war. Der Grund für die Verzögerung: Die Akten waren wohl beim Umzug verschwunden.<BR><BR>Unangenehme Erfahrung mit der Arbeitsgemeinschaft machte auch Hans Bauer. Der Arbeitslose fragte nach seinem Fallmanager und wurde rüde abgewiesen. Kurz drauf bekam er von der Behörde die Aufforderung, binnen einer Woche 20 Bewerbungen nachzuweisen. Ein Beratungsgespräch gab es bisher nicht.</P><P><BR> </P>

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