Angebot und Nachfrage: Worüber ,weise Ökonomen erbittert streiten

- München - Es kracht nicht mehr nur im abgeschiedenen Studierstübchen. Während Differenzen im Kreis der "fünf Weisen" in der Vergangenheit nur durch Minderheitsvoten zutage traten, ziehen nun die Professoren öffentlich übereinander her. Der Ruf leidet. Dabei krankt die deutsche Zunft der Ökonomen eher an einem Mangel an Streitkultur.

<P>Das war bereits vor 36 Jahren so. Die deutsche Wirtschaft schlitterte 1966 aus dem Wunder in die Krise. Die Arbeitslosenzahlen stiegen, das Wachstum stagnierte. Die Ökonomen hatten dagegen ein Einheitsrezept: Der Staat soll Geld ausgeben, das er nicht hat, um über die Nachfrage die Wirtschaft anzukurbeln. </P><P>Die rot-schwarze Koalition, die im Zug der Krise die Macht übernommen hatte, sprang auf den Zug auf: Wirtschaftsminister Karl Schiller (SPD) und Finanzminister Franz Josef Strauß (CSU) managten als Duo die Krise. Der "Sachverständigenrat" wurde reformiert und das "gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht" im Grundgesetz verankert.</P><P>Tatsächlich wirkte die Medizin, die auf eine Rezeptur des britischen Ökonomen John M. Keynes zurückgriff. Doch nur einmal. Denn schnell entdeckte die Politik die keynesianische Klaviatur zu missbrauchen: Für Wiederwahl-förderndes "Deficit-Spending", selbst als eigentlich Zurückzahlen ("Surplus Saving") angesagt gewesen wäre. Die Inflation lief aus dem Ruder; die Staatsschulden explodierten. Die deutsche Politik machte bis ins Jahr 2000 so weiter, obwohl die Wissenschaft eindringlich davor warnte.</P><P>Die hatte längst die Seiten gewechselt und die Rezepte von Keynes in Bausch und Bogen verdammt: Der Staat solle mit der Geldmenge die Inflation im Zaum halten, verkündeten die "Chicago Boys" um Milton Friedman, und sich sonst raushalten. Auf die Nachfrage komme es überhaupt nicht an, verkündeten die Angebots-Theoretiker der neoliberalen Schule, weil jedes Angebot sich selbst seine Nachfrage schaffe. Geringe Löhne verbessern international die Konkurrenzfähigkeit.</P><P>Wieder wirkten die Rezepte: Die USA (Reaganomics) und Großbritannien (Thatcherismus), galten als neoliberale Vorzeigeprojekte. In der Wissenschaft wurden die Keynesianer zu einer belächelten Minderheit. In der deutschen Politik setzten sich die Neoliberalen spät durch.</P><P>Als dies Ende der 90er Jahre geschah, schwang international das Pendel bereits wieder zurück. Das nach der Privatisierung verkommende britische Eisenbahnsystem wurde zum Kronzeugen gegen Margaret Thatchers Politik der Entstaatlichung um jeden Preis. Das ausufernde US-Staatsdefizit wurde eingefangen, als Bill Clinton eine junge Garde von neo-keyesianischen Wissenschaftlern anheuerte. Joseph Stiglitz und Paul Krugman sind die Väter dieser neuen Welle. Sie sind aber - genau besehen - keiner Seite eindeutig zuzurechnen. Richtig ist, was wirkt, sagen sie und verlassen die Schützengräben der reinen Lehren. </P><P>Dagegen klingt beim deutschen Streit der "fünf Weisen" der alte Kanonendonner durch: Von "unvereinbaren Denkmodellen" ist die Rede. Der erklärte Keynesianer Peter Bofinger gegen den Rest der Zunft. Doch es spielen auch Stilfragen eine Rolle. Bofinger scheute sich nicht, in Revieren zu wildern, für die andere die Expertise beanspruchen. Verletzte Eitelkeit. Dazu haben deutsche Ökonomen nicht viel Anlass. Im internationalen Vergleich ist ihre Bilanz bescheiden. Der einzige Deutsche, der je den Nobelpreis für Wirtschaft erhielt war ein krasser Außenseiter: Reinhard Selten galt als "einer der verwegensten und beharrlichsten Kritiker seiner Zunft".<BR></P>

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