Angst vor dem Abschwung

München - In der deutschen Wirtschaft gewinnt nach der monatelangen Euphorie allmählich wieder die Sorge vor einer Konjunkturabkühlung die Oberhand.

Die Rekordstände beim Eurokurs könnten exportorientierte Firmen in Bedrängnis bringen und die hohen Öl- und Lebensmittelpreise schlagen den Verbrauchern auf den Magen, die ihr Geld wieder stärker zusammenhalten. Dazu kommen die Turbulenzen an den internationalen Finanzmärkten durch die US-Immobilienkrise, die vor allem die Bankenbranche aufgeschreckt haben.

 Viele Unternehmen und Experten erwarten nun, dass der Aufschwung in den kommenden Monaten an Fahrt verliert. "Der Boom, von dem wir noch im vierten Quartal 2006 sprechen konnten, ist vorbei", sagt beispielsweise Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Dass dabei auch psychologische Effekte eine Rolle spielen, ist bei Ökonomen unumstritten. So hat die US-Immobilienkrise außerhalb der Bankenlandschaft in Deutschland bisher kaum greifbare Auswirkungen auf die Unternehmen gehabt. Trotzdem steckt für Krämer etwa hinter der jüngsten Talfahrt des ifo-Geschäftsklimaindex weit mehr als bloße Psychologie. Im September war der ifo-Index, der auf einer monatlichen Befragung von rund 7000 Unternehmen in Deutschland zu Auftragseingang, Lagerbeständen und Exportchancen beruht, zum vierten Mal in Folge gesunken auf 104,2 Punkte und damit auf den tiefsten Stand seit gut eineinhalb Jahren. "Das ist ein klares Abwärtssignal, daran gibt es nichts zu deuteln", sagt Krämer.

Für ifo-Chefvolkswirt Gernot Nerb steht fest, dass sich vor allem der Einzelhandel enttäuschend entwickelt hat, obwohl der Dämpfer durch die Mehrwertsteuererhöhung zum Jahresbeginn längst verdaut sein müsste. Untermauert wird das vom gesunkenen Konsumklima-Index des Nürnberger Marktforschungsinstituts GfK. Und auch in der Bauwirtschaft habe sich der Erholungstrend schon wieder abgeschwächt - all das seien Anzeichen dafür, dass die Inlandsnachfrage nachlasse, sagt ifo-Forscher Nerb. Nach den Daten des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden war die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal real um 0,3 Prozent im Vergleich zum Vorquartal gewachsen, nachdem der Zuwachs im ersten Quartal noch bei 0,5 Prozent lag.

Das Bundeswirtschaftsministerium ging zuletzt im September noch von einem robusten Aufschwung aus, auch wenn sich die Risiken für die Konjunktur erhöht hätten. Auch der Chefvolkswirt von Allianz und Dresdner Bank, Michael Heise, sieht noch keinen Anlass zur Furcht vor konjunkturellen Rückschlägen. Die gegenwärtige Stimmungsabkühlung hält er vor allem für eine "Korrektur übersteigerter Erwartungen" in den vergangenen Monaten. Schon im vergangenen Jahr hätten sich einige Belastungsfaktoren für die Wirtschaft gezeigt, von der sich die Unternehmen in ihrer Hochstimmung aber zunächst nicht hätten beeindrucken lassen. "Das war für mich schon etwas unverständlich", sagt Heise. Wenn sich das Klima jetzt wieder normalisiere, seien das "gute Bedingungen, um in einen soliden Aufschwung zu kommen".

 Skeptischer ist Commerzbank-Chefvolkswirt Krämer. Die Ölpreisentwicklung und der hohe Eurokurs für sich genommen beunruhigen ihn zwar noch nicht, doch ein Zusammenspiel negativer Faktoren könnte die Wirtschaft schon Wachstum kosten. "Das größte Risiko wäre, wenn die US-Wirtschaft in die Knie geht", sagt Krämer. Für die deutsche Wirtschaft, die stark auf den Außenhandel mit den USA setze, wäre es dann kaum möglich, sich von einem solchen Abwärtstrend abzukoppeln, erwartet der Volkswirt. (dpa)

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