Angst vor neuer Ölkrise

- Hamburg - Die Konflikte im Nahen Osten schüren die Angst vor einer neuen Ölkrise. Die Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) warnte in diesem Zusammenhang vor weit reichenden Konsequenzen für die Wirtschaft.

"Wenn der Iran-Konflikt eskaliert, droht eine neue Ölkrise", sagte Claudia Kemfert der Netzeitung. "Dann kann es ähnlich schwierig werden, wie in den 70er Jahren." Die Produktionsausfälle könnten dann "nicht mehr kompensiert werden".

Am Freitag war der Preis für ein Barrel (159 Liter) der US-Sorte WTI zeitweise auf den Rekordwert von 78,40 US-Dollar gesprungen. Zum Schluss notierte der Ölpreis an der New York Mercantile Exchange für den Auslieferungs-Kontrakt im August um 33 Cent höher bei 77,03 Dollar.

Mit Beginn der Ferien in Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland stiegen die Benzinpreise um drei Cent je Liter. Nach der Erhöhung durch Shell und Aral kostete ein Liter Superbenzin im bundesweiten Durchschnitt 1,43 Euro und Diesel 1,20 Euro.

DIW-Expertin Kemfert bezeichnete die geopolitische Lage im Nahen und Mittleren Osten als "extrem instabil" und prophezeite einen rasanten Anstieg des Ölpreises, sollte sich die Krise verschärfen: "Dann wird man nicht nur 80 Dollar sehen, sondern Preise, die weit darüber hinaus gehen." Der jetzige Öl-Preis ist nach Ansicht der Expertin aber noch keine Gefahr für die Konjunktur in Deutschland.

Angesichts der weiter steigenden Ölpreise haben die Grünen die große Koalition zu schnellerem und beherzterem Umsteuern in der Energiepolitik aufgefordert. Dies gelte besonders auch für Kraftstoffe, sagte die stellvertretende Vorsitzende der Grünen- Bundestagsfraktion, Bärbel Höhn, am Samstag in einem dpa-Gespräch. So sollte überlegt werden, die Zulassung von Autos an die Einhaltung eines Höchstspritverbrauchs zu koppeln.

"Kalifornien ist hier rigoros. Neue Autos werden ab 2009 nur noch zugelassen, wenn sie deutlich weniger Kraftstoffe verbrauchen als momentan", betonte Höhn. "Über solche Lösungen, die technisch möglich sind, müssen wir verstärkt in Deutschland nachdenken." Höhn fügte hinzu: "Die 80-Dollar-Marke wird nicht die letzte Preisspirale sein, die wir beim Erdöl erleben." Rund 70 Prozent der Weltölreserven lägen in instabilen Regionen.

Angesichts der Energie-Debatte auf dem G8-Gipfels in St. Petersburg haben führende CSU-Politiker erneut längere Laufzeiten für die deutschen Atomkraftwerke gefordert. "Deutschland braucht mehr Zeit, um Kernenergie zu ersetzen. Deshalb müssen meiner Ansicht nach die Restlaufzeiten der Kernkraftwerke verlängert werden. Das müssen wir erreichen", sagte der CSU-Vorsitzende und bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber der "Passauer Neuen Presse".

Auch Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) kritisierte den deutschen "Sonderweg" beim Atomausstieg. "Man kann nicht einfach sichere Kernkraftwerke abschalten, ohne zu klären, wie die Lücke geschlossen wird", schrieb er in einem Gastbeitrag für die "Bild am Sonntag".

Die deutsche Industrie erhofft sich von einem "klaren Bekenntnis" des G8-Gipfels zum Ausbau der Kernenergie auch ein Signal für die Bundesregierung, zumindest die Laufzeiten deutscher Atommeiler zu verlängern. In einem Interview der "Neuen Osnabrücker Zeitung" betonte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Ludolf von Wartenberg, daneben könne nur ein breiter Energiemix einschließlich der Nutzung heimischer Energieträger die weltweite Versorgung sichern. Dafür sei gegenseitiges Vertrauen der G8-Staaten nötig.

Der Energiekonzern RWE forderte unterdessen eine unvoreingenommene Diskussion über die Nutzung der Kernenergie in Deutschland und warnte vor einer internationalen Isolation Deutschlands. Der Chef der Kraftwerksparte RWE Power, Jan Zilius, sagte der "Berliner Zeitung": "Die Tatsache, dass der G8-Gipfel Energiefragen und dabei auch die Rolle der Kernenergie auf seine Tagesordnung setzt, zeigt, welche Bedeutung das Thema hat."

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